Leben mit dem Tourette-Syndrom  

Jahrestagung der Tourette-Gesellschaft in Würzburg

"Mit der S-Bahn fahren – an der Kasse im Supermarkt Schlange stehen - oder im Wartezimmer des Arztes sitzen, das sind Umstände, die für alle Menschen nicht unbedingt zu den angenehmsten Begebenheiten zählen. Es gibt aber Personen, für die gehören sie zu den schwierigsten Situationen, die man sich vorstellen kann." So beginnt Kerstin Kilian als Betroffene ihre Beschreibung des Lebens mit Tourette-Syndrom auf der 12. Jahrestagung der Tourette-Gesellschaft, die am 22. Oktober in Würzburg stattfand. Hier trafen sich Tourette-Betroffene, ihre Angehörigen, Mediziner und andere Interessierte, um sich über Erfahrungen mit dem Tourette-Syndrom auszutauschen. Michaela Flecken, die zweite Vorsitzende der Tourette-Gesellschaft freute sich, dass vor allem sehr viele junge Betroffene anwesend waren und es zu intensiven Gesprächen zwischen den jungen Leuten kam.

Neue Studien mit bildgebenden Verfahren stellte Dr. Kirsten Müller-Vahl aus Hannover vor, wo mittels MRT, PET oder SPECT Gehirnstrukturen und -funktionen bildlich dargestellt werden. Diese Untersuchungen haben noch keine Tourette-spezifischen Ergebnisse erbracht, so dass sie in der klinischen Routine noch keine Rolle spielen. Es zeichnet sich aber ab, dass die Ursachen des Tourette-Syndroms in verschiedenen Hirnregionen liegen. So ist neben den Basalganglien auch das limbische System und das Frontalhirn betroffen. Sowohl das dopaminerge System als auch das serotoninerge System zeigen Störungen, von denen man aber noch nicht weiß, ob sie eine primäre Ursache des Tourette-Syndroms sind oder sekundär als Folge der Erkrankung entstanden sind. Müller-Vahl erwartet in den nächsten Jahren hier weitere Erkenntnisse, die Diagnostik und Therapie entscheidend verbessern können.

 

Patient berichtet über Erfahrung mit Tiefenhirnstimulation

Ein Höhepunkt der Tagung war der Auftritt von Michael Pöllen, der selbst betroffen ist, und über sein Befinden 7 Monate nach der Operation für eine Tiefenhirnstimulation sprach. Er schilderte sein Leben mit dem "Hirnschrittmacher" als sehr befreiend, da sich sein Tic-Bild deutlich zurückgebildet hat. Psychochirurgische Eingriffe wie dieser sind noch in Erprobung und nur als individueller Heilversuch bei austherapierten Patienten mit extremen Tic-Bildern indiziert. Die Ergebnisse der Tiefenhirnstimulation scheinen bisher aber durchweg positiv zu verlaufen. Eine völlige Symptomfreiheit ist zur Zeit mit keiner Therapie zu erreichen, so dass es für die Betroffenen wichtig ist, ihre Krankheit zu akzeptieren und zu versuchen, ein halbwegs normales Leben damit zu führen. Kerstin Kilian beschreibt es so: "Ich frage mich manchmal, was wäre ich ohne mein Tourette? Ich erwische mich manchmal dabei, fast Angst davor zu haben, meine Kreativität zu verlieren.... In der Gruppe habe ich den Betroffenen die psychische Seite des Tourette-Syndroms näher gebracht, aber ebenso, wie gut es tut, über seine Erfahrungen auch mal lachen zu können. Dieses Lachen öffnet Türen und lässt zu, dass wir in der Gesellschaft wieder überlebensfähig sind, da es Sympathien schafft. Durch die uns entgegengebrachten Sympathien entsteht Selbstbewusstsein, sie lassen uns mutig erscheinen, vielleicht sogar mutiger, als wir tatsächlich sind. Und sie führen uns über diesen Weg zu dem für alle Tourette-Betroffene wichtigen Verständnis."

 

Neuropsychiatrische Zeitung
Ausgabe November 2005
Frau Dr. Ursula Seeger

 

Veröffentlichung mit freundlicher Zustimmung von Dr. Seeger

 

 

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