Würzburg war eine Reise wert

Am Samstag, den 22. Oktober 2005 bin ich mit meiner Freundin Susanne zur Jahrestagung der TGD nach Würzburg gefahren. Die Reise begann mit Hindernissen. Wir waren gerade mal 20 Minuten unterwegs und standen schon im Stau und das 12 km und 1 ½  Stunden lang -> stop and go ... stop and go ... wir hätten besser vorher mal in die Verkehrsnachrichten reingehört.

Als es dann endlich wieder flüssig lief, waren wir so genervt, dass wir am liebsten wieder heimgefahren wären! Gut, dass wir es nicht gemacht haben. Warum, werde ich noch berichten. Wir sind noch rechtzeitig in Würzburg angekommen, mussten dann aber erst mal ein paar Minuten ausruhen und etwas essen!

Der etwas antiquierte Hörsaal war ziemlich gut besetzt, als wir ihn betraten. Prof. Dr. Warnke hatte mit seinem Vortrag "Tic-Störung: Klinisches Bild – Behandlung – Familie" bereits begonnen. Die Akustik des Hörsaales in der Philosophischen Fakultät war allerdings von schlechter Qualität, ebenso die Mikrophonanlage. Das Zuhören wurde zu einer anstrengenden Angelegenheit.

Der anschließende Vortrag des TGD-Mitglieds Kerstin Kilian "Selbstbewusstsein – Mut – Verständnis" über ihr Leben mit dem Tourette-Syndrom, wurde mit großer Begeisterung aufgenommen.

Wissenschaftliches Highlight des Nachmittags war für meine Begriffe der Vortrag von Frau Dr. Müller-Vahl, die mit vielen interessanten Neuigkeiten aus der Forschung über die Unterschiede in der Anatomie der Gehirne von Touretter/innen im Vergleich zu Gesunden aufwartete (-> "Bildgebende Untersuchungen – Neue Erkenntnisse zur Ursache des Tourette-Syndroms").

Nach dem Vortrag von Frau Dr. Müller-Vahl sprach noch Bernhard Beck von der Agentur für Arbeit, Würzburg über die Möglichkeiten von Menschen mit Handicap bei der Arbeitsvermittlung.

Hochinteressant empfand ich das persönliche Gespräch mit Michael Pöllen, der sich im März 2005 bei Prof. Dr. Sturm in Köln einer Gehirnoperation unterzogen hat. Dabei wurden ihm zwei Elektroden mit Impulsgeber implantiert, die nach seinen Aussagen schwere Symptome seines TS deutlich gemildert haben. Beispielsweise - so führte er aus - seien auch extreme autoaggressive Tics seit der Gehirn-OP nicht mehr aufgetreten. Er beantwortete geduldig immer wieder die zahlreichen Fragen der Tagungsteilnehmer und er machte deutlich, dass das Leben ohne die OP kaum noch zu ertragen gewesen sei. Mit Unverständnis reagiert er - und das konnte ich gut nachvollziehen - wenn ihm überkritische Fragen gestellt werden wegen seiner Entscheidung für die Tiefenhirnstimulation (DBS = Deep Brain Stimulation). Es ist sein persönlicher Entschluss gewesen aus einem schwierigen Leben und Schicksal heraus - ich kann das gut verstehen. Es wurde aber auch deutlich - und das bestätigte Michael mehrmals - dass "DBS" nur die allerletzte Option bei schwerem TS sei, wenn alle anderen therapeutischen Maßnahmen ohne Erfolg waren.

In den Pausen zwischen den Vorträgen gab es reichlich Gelegenheit zu Gesprächen mit den Referenten, den Tourette-Betroffenen und ihren Freunden und Freundinnen sowie den Angehörigen! Freddy Flecken (aka Freddy Touretti) und Päddy (Patrick/Renegade), Hans Werner (aka Zwerner, der coole "Tourette-Papa" aus Bavaria) mit Sohn Basti-Bombasti (Tourette-Boy mit Vorliebe für Stones-Musik) und viele andere sorgten für High-Speed und viele interessante Schilderungen in den Gesprächen, langweilig wurde es uns nie. Im Gegenteil - die Zeit war, wie immer, zu knapp ...

Dann war noch ein Gruppe von Gymnasiastinnen aus Thüringen anwesend, die Fragebogen für ein Referat zum TS verteilte, sowie eine Gruppe von Studentinnen aus Würzburg (-> Fachrichtung Sozialwesen), die ebenfalls dabei sind, ein Referat über das Tourette-Syndrom auszuarbeiten.

Anwesend waren noch Prof. Dr. Rothenberger, Dr. Roessner (beide Uni Göttingen), Frau Dr. Neuner (Forschungsstudie zum Tourette-Syndrom am Forschungszentrum Jülich), Mitglieder der ehemaligen TGD-Vorstände -> Rainer Fischer (Gründungsmitglied der TGD und "erster" 1. Vorsitzender der TGD), Michael Treffer (Kassenwart der TGD von 1997-2002) und Alexander Seidl (2. Vorsitzender der TGD von 2000-2002 und aktueller Leiter SHG München) sowie die Leiterinnen der Tourette-SHG's

-> Hamburg -> Frau Khan
-> Crailsheim/Schwäbisch Hall -> Ursula Hoffleit-Meitner
-> Würzburg/Oberfranken -> Sylvia Schmidt
-> Gießen/Region Mittelhessen -> Brigitte Büttner-Wasseroth

Nach der Veranstaltung redeten wir immer noch weiter und weiter. Erst gegen 19.45 Uhr fuhr ich dann mit meiner Freundin wieder in Richtung Heimat. Es hat sich gelohnt, nach Würzburg zu fahren. Danke an alle, die ich kennenlernen durfte! Meinen Dank ebenfalls an Silvia Viertel, Michaela Flecken und Wolf Hartmann für Planung und Organisation.

Hermann Krämer

 

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