Bericht über die Jahrestagung der Tourette-Gesellschaft Deutschland in Dresden

Am Samstag, den 08. Oktober 2011, fand im Hörsaal des Kinder- und Frauenzentrums in Dresden, Fetscherstraße 74, die Jahrestagung der Tourette-Gesellschaft Deutschland e.V. statt. Sie stand diesmal unter dem Motto "Therapie der Tic-Störungen – aktueller Stand und Perspektiven".

Kurz vor 10.00 Uhr begrüßten Lutz Friedrichsen und Herr Prof. Dr. med. Veit Rössner die Anwesenden und eröffneten die Tagung. Ab 10.00 Uhr referierte Herr Prof. Dr. Veit Rössner (Dresden) hinsichtlich der "Probleme und Perspektiven anhand der Europäischen Leitlinien". Diese sind in jüngster Vergangenheit veröffentlicht worden und setzen erstmalig europaweite Standards für die Therapie von Kindern und Jugendlichen mit Tic-Störungen. Sie werden Ärzten, Psychiatern bzw. Psychotherapeuten an die Hand gegeben, damit diese die Störungen eindeutiger erkennen und gleichzeitig mehr über die geeigneten Therapien erfahren können. Die Leitlinien sind von der "European Society for the Study of Tourette Syndrom (ESSTS)" verabschiedet worden.

Im Anschluss daran gewährte Frau PD Dr. Andrea Ludolph vom Uniklinikum in Ulm Einblicke in die Planungen einer Pharmastudie. Dazu sind bei der Deutschen Forschungs-Gesellschaft (DFG) und dem Bundesministerium für Bildung und Forschung Anträge auf finanzielle Unterstützung gestellt worden, damit im Rahmen einer Pharmastudie der Einsatz von Tiaprid bei Tic-Störungen untersucht werden kann. Bislang sind die entsprechenden Anträge immer abgelehnt worden. Eine Ursache dafür könnte darin gesehen werden, dass Tic-Störungen oder gar das Tourette Syndrom im Vergleich zu anderen Krankheiten als "gesellschaftlich nicht so relevant" erachtet werden.

Frau Prof. Dr. Kirsten Müller-Vahl von der MHH Hannover referierte über das Thema "Cannabis bei Tic-Störungen". Dabei wurde wieder einmal deutlich, dass man vor der Verabreichung von z. B. "Dronabinol" im Einzelfall entscheiden und auch von einer gewissen Mindestschwere der Tic-Erkrankung bei dem Betroffenen ausgehen muss. "Dronabinol" ist teil-synthetisch produziertes Tetrahydrocannabinol (THC).

Nach der Mittagspause ging es weiter mit einem Referat von Frau Dr. Katrin Woitecki aus Köln zum Thema "Psychotherapie bei Tic-Störungen". Dabei wurde z. B. das "Habit Reversal Training" herausgestellt, dass gleich zu Beginn einer erforderlichen Behandlung eine geeignete Alternative zur medikamentösen Therapie sein kann. Schwierigkeit ist jedoch, dass es noch nicht so viele Therapeuten in Deutschland gibt, die dieses Training vermitteln können.

Herr Prof. Dr. Münchau aus dem UKE in Hamburg berichtete über die Agentur für Überschüsse. Hauptziel ist die längerfristige Verknüpfung multimodaler Forschungsprojekte über neurologische Phänomene mit Methoden der systemischen Neurowissenschaften mit Methoden und Techniken des Theaters und der Performance unter der Prämisse einer grenzüberschreitenden Diskussion. Der Schwerpunkt liegt hierbei auf der langfristigen ästhetischen und diskursiven Annäherung an die neuropsychiatrische Spektrumsstörung Gilles de la Tourette Syndrom, die durch Tics (überschüssige Bewegungen und Geräusche/Lautäußerungen incl. obszöner Gesten und Wendungen) und Echophänomene (automatische Imitation) charakterisiert ist. Institutionell ist die Agentur für Überschüsse an N.E.MO., einen eingetragenen Verein zur Förderung der Erforschung von Bewegungsstörungen am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, angebunden.

Im Frühjahr 2011 konnte die Agentur ihr erstes Projekt, die Performance-Lecture "Schwics" zu den Lautgedichten von Kurt Schwitters präsentieren. Schwics verschränkt die beiden Bereiche des dadaistischen Lautgedichts mit dem Tic-Phänomen der Tourette-Krankheit und wurde im April 2011 im Rahmen des "Festivals 150% Hamburg" uraufgeführt.

Die Agentur für Überschüsse arbeitet mit Künstlern unterschiedlicher Disziplinen und entwickelt grenzüberschreitende Projekte im Bereich verschiedener künstlerischer Genres, die eine komplexe Auseinandersetzung mit der methodisch-begrifflichen Arbeit der Agentur zur Darstellung bringen.

Herr Prof. Dr. Rothenberger aus Göttingen berichtete den Anwesenden die bisherigen Erkenntnisse zum Thema Neurofeedback.

Zum Schluss der Tagung referierte Frau Elke Strecker (SHG Hannover) eindrucksvoll über unerwartete Arzneimittelwirkungen aus Sicht der Betroffenen in den Selbsthilfegruppen. Sie schilderte die unterschiedlichsten Erfahrungen, der bei einem Tourette-Syndrom üblicherweise angewendeten Medikamente. Dabei war es ihr besonders wichtig zu erwähnen, dass ein Medikamentenversuch durchaus seine Berechtigung hat, wenn die Lebensqualität und der Lebensmut der Betroffenen stark eingeschränkt sind. Wichtig hierbei ist der unbedingte Besuch eines auf das Tourette-Syndrom spezialisierten Arztes.

Die Pausen nutzten die Anwesenden Tagungsgäste zum regen Austausch untereinander und um eine kleine Stärkung zu sich zu nehmen.

Als Dank für die Referenten übergab der 1. Vorsitzende Lutz Friedrichsen in diesem Jahr einen Original Dresdner Stollen.

Der Gesellschaftsabend fand ab 20.00 Uhr im Hotel Quintessenz Forum Best Western statt.

Nach einer kurzen Rede durch den 1. Vorsitzenden unterhielt Andrew Fischer die Gäste mit drei Liedern auf seiner Gitarre. Zwei davon hat er selber komponiert.

Das Büffet an diesem Abend ließ wirklich keine Wünsche offen.

Letztendlich können wir auf eine gelungene Jahrestagung zurückblicken und freuen uns schon sehr darauf, Sie alle im nächsten Jahr am 12/13 Oktober 2012 in Ulm wieder begrüßen zu dürfen.

Vorstand der Tourette-Gesellschaft Deutschland e.V.