Interview mit Jörn Knebel (Rolle des Reifenhändlers) zum Film "Ein Tick anders"

Melanie Bödeker: Lieber Jörn Knebel, wir möchten uns zuerst recht herzlich bei ihnen bedanken, dass Sie sich doch noch zu einem Treffen mit uns bereit erklärt haben.

Jörn Knebel: Das ist kein Problem, das mache ich gerne. Nachdem ich gemerkt habe, wie ernst und wichtig ihnen eine Stellungnahme von mir ist, habe ich mich auf dieses Treffen eingelassen, um vielleicht einige Dinge klarzustellen.

Daniel Weber: Jörn, wir haben uns heute hier in Hamburg getroffen, um ihre Stellungnahme zu hören über Aussagen, die Herr Rogenhagen in Interviews gemacht hat. Zum Beispiel sagte er, dass Sie Tourette benutzen, um sich vor Auftritten in Stimmung zu bringen, dass Sie Tourette zu ihrem Hobby gemacht haben und dass selbst ihre Mutter schon vor Jahren sagte, sie sollten endlich damit aufhören. Sicherlich können Sie sich vorstellen, dass die meisten Betroffenen und auch deren Angehörigen gar nicht begeistert sind von solchen Dingen.

Jörn Knebel: Hierzu möchte ich erst einmal sagen, dass diese Aussagen in den richtigen Kontext zu bringen sind. Ich werde später noch genauer darauf eingehen. Es stand und steht aber niemals in meiner Absicht Betroffene oder auch Angehörige zu beleidigen.

Daniel Weber: Du hast zum Film Ein Tick anders das Coaching von Jasna Fritzi Bauer übernommen. Wie genau kann man sich das vorstellen?

Jörn Knebel: Also es war nicht so, dass ich gesagt habe, ich mache dir das mal vor und du machst das einfach nach. Dann wäre der Film nur halb so schön geworden. Ich wollte das Jasna ihren eigenen Körper dafür bekommt, damit es glaubwürdig wird und nicht konstruiert wirkt. Wir haben uns u. a. viele Dokus angeschaut und Jasna hat dazu ihre eigenen Tics entwickelt. Wir haben auch nicht täglich 10 Stunden, sondern vielleicht höchstens 2-3 Stunden intensivst trainiert, damit für den Rest des Tages und vor allem über Nacht genügend Zeit blieb, das Erprobte zu verinnerlichen. Wir haben uns auch mit Christian Hempel in Lüneburg getroffen und einen Tag mit ihm verbracht. Dieses Treffen war auf dem Weg vom "Voyeur" zum "Kenner" der Materie sehr wichtig.

Daniel Weber: Sie haben einmal am Theater einen Tourette-Betroffenen gespielt. Kannten Sie damals das Tourette-Syndrom schon und wie haben Sie sich auf die Rolle vorbereitet?

Jörn Knebel: Dazu muss ich jetzt einmal etwas ausholen. Es ist so, dass ich als junger Mensch selber Tics hatte. Ein paar motorische und ein paar vokale Tics, die aber nie zusammen auftraten, sondern der eine immer den anderen ablöste. Vor allem im Gesicht. Damals kamen dann die ersten Reportagen über das Tourette-Syndrom im Fernsehen. Ich habe mir alle diese Dokus aufgenommen, weil ich das so spannend fand, dass es nicht nur mir so ging. Ich habe mich dann intensiv damit beschäftigt und meine Tics dadurch tatsächlich weitestgehend kompensiert. Als ich dann an der Schauspielschule war, habe ich mich oft nach besonders anstrengenden und verstörenden Schultagen zum Stressabbau auf dem Nachhauseweg den Tics hingegeben.Allerdings geschah dieses gewollt - im Gegensatz zu Tourette-Betroffenen und im Gegensatz zu den Tics in meiner Jugend. Ich habe das aber nie gemacht, um zu zeigen: Schaut mal, wie toll ich Leute nachmachen kann! Ich habe mich auch nie über Betroffene lustig gemacht. Ganz im Gegenteil, ich kann Betroffene vielleicht ein wenig verstehen, da ich - wie schon gesagt - über viele Jahre selber Tics hatte. Irgendwann ergab es sich, dass ich die Rolle eines Tourette-Betroffenen am Theater angeboten bekommen habe. Spontan dachte ich: Oh, das mach ich, denn ich krieg das authentisch hin (natürlich nur, wenn es wirklich ins Stück  passt und Sinn macht). Und eben das war mir bei "Ein Tick Anders" das Wichtigste, dass die Rolle der Eva authentisch dargestellt wird und nicht zur (lustigen) Nummer verkommt.

Daniel Weber: Das hört sich schon alles ganz anders an. Jetzt lassen sich die Aussagen von Andi Rogenhagen auch ganz anders verstehen.

Jörn Knebel: Mir würde es im Traum nicht einfallen mich über Betroffene lustig zu machen. Ich habe auch überhaupt keine Berührungsängste gegenüber Betroffenen. Ich glaube, das hat Christian Hempel auch sehr genossen, dass ich da ganz locker mit ihm umgegangen bin.

Daniel Weber: Sie sagen, Sie haben als Jugendlicher selber Tics gehabt. Haben Sie jemals Befürchtungen gehabt, dass Sie vielleicht das Tourette-Syndrom hatten?

Jörn Knebel: Da habe ich mir eigentlich nie Gedanken gemacht. Wenn ich Stress hatte, dann hatte ich eben mehr Tics als sonst. Aber ich habe mir da nie wirklich Gedanken drüber gemacht. Wenn ich mal wieder von Leuten wortlos angeglotzt wurde hab ich nur gefragt: "Ah, mach ich wieder hmm hmm?" … und dann hab ich gesagt: "Ach, das ist ganz normal, das hab ich öfter". Das war mir aber wiederum im Gegensatz zu wahrscheinlich sehr sehr vielen Tourette-Betroffenen- selten unangenehm.

Daniel Weber: Wie würden Sie reagieren, wenn Sie in der Öffentlichkeit merken, dass Betroffene nachgeäfft werden oder so.

Jörn Knebel: Da würde ich auf jeden Fall dazwischen gehen. Das kann und darf man nicht tolerieren.

Lieber Jörn, vielen Dank für die ehrlichen und offenen Worte.