Bericht für die TGD e.V.

"Fragebogen zum Tourette-Syndrom" :

Bisherige Ergebnisse, kritische Betrachtung und Weiterentwicklung

Prof. Dr. med. Aribert Rothenberger, Dipl. Psych. Indra Gorskowski, Dr. phil. Wolfgang Woerner

Institution:

Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie
Universität Göttingen

Korrespondenz:

Prof. Dr. med. A. Rothenberger
Universität Göttingen
Kinder und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie
Von-Siebold-Str. 5
D - 37075 Göttingen
Tel.: 0551/396727
Fax: 0551/398120
 

email: arothen@gwdg.de

Internet: http://wwwuser.gwdg.de/~ukyk  

 

Danksagung: die Auswertung des TGD-Fragebogens wurde durch eine finanzielle Unterstützung der Tourette-Gesesellschaft Deutschland e.V. möglich, wofür sich der Autor im Namen seiner Mitarbeiter sehr bedankt.

Besondere Anerkennung und Dank geht an alle Betroffenen und deren Angehörige, die bereitwillig ihre persönliche Situation und Erfahrung mitgeteilt haben. Denn ohne sie wäre eine solche Arbeit nicht möglich gewesen.  

 

 1.Einleitung 

Das Tourette-Syndrom wird als eine komplexe, üblicherweise familiär gehäuft auftretende, neuropsychiatrische Störung bezeichnet, die mit vielfältigen motorischen und vokalen Tics verbunden ist, die nicht notwendigerweise gleichzeitig auftreten müssen aber über die Zeit in Art, Häufigkeit und Intensität schwanken. Der Beginn liegt um das 7. Lebensjahr. Eine Diagnose kann erst gestellt werden, wenn die Symptomatik mindestens 12 Monate angedauert hat.  

Häufigkeitsangaben schwanken zwischen 0,05% bis 3%. Genetische Faktoren scheinen eine wesentliche Rolle zu spielen, aber nicht jeder, bei dem eine erbliche Belastung zu vermuten ist, wird auch schließlich die Zeichen eines Tourette-Syndroms zeigen.

Obwohl die genauen Ursachen und Mechanismen der Tics noch unbekannt sind, so ist doch sicher, daß das zentralnervöse Überträgersystem des Dopamins im motorischen Regelsystem gestört ist und daher eine mangelnde automatische Kontrolle der andrängenden motorischen und vokalen Tics fehlt. Auch die erfolgreiche Behandlung der Tics mittels Medikamenten, die die Dopaminempfängerstellen im Gehirn blockieren sowie weitere neurobiologische Befunde sprechen für diese Annahme.

Die Symptome nehmen in der Regel bis zur Präadoleszenz zu und danach allmählich ab, nur wenige Personen haben ein Leben lang motorische und vokale Tics.

Die bisherigen epidemiologischen Studien haben stets nach der Häufigkeit des Tourette-Syndroms in der Allgemeinbevölkerung gefragt, aber nie systematisch geprüft, welchen Status die betroffenen Tourette-Patienten aufwiesen im Hinblick auf soziale Merkmale, Häufigkeit und Dynamik der Tics, diagnostische Situation, Behandlungsweisen und –erfolge. Wenn solche Merkmale erfaßt wurden, so durchliefen sie stets ein Expertenurteil (s.a. auch die internationale Perspektive zum Tourette-Syndrom im Artikel von Freeman et al. 2000).

Da für Deutschland bisher keinerlei epidemiologische Daten zum Tourette-Syndrom vorliegen, wurde in gemeinsamer Arbeit der kinderpsychiatrischen Kliniken an den Universitäten Göttingen und Marburg der “Fragebogen zum Tourette-Syndrom” entwickelt. Der Fragebogen sollte dazu dienen, einen Überblick zu Diagnosestellung und Therapie des Tourette-Syndroms in Deutschland zu erhalten. Durch die Bereitschaft von vielen Betroffenen, uns ihre persönlichen Erfahrungen mitzuteilen, konnten wir wichtige Informationen gewinnen, die letztendlich allen Betroffenen ein Hilfe im Umgang mit ihrer Erkrankung sein können.

 

 2.Methode

Die Tourette-Gesellschaft Deutschland e.V. stellte mit dem 1994/1995 entwickelten “Fragebogen zum Tourette-Syndrom” (im folgenden TGD-Fragebogen genannt) ein Instrument zur Verfügung, das versucht, allen Besonderheiten des Tourette-Syndroms gerecht zu werden: Auf 11 Seiten werden in einer Art strukturierter Kurzanamnese für eine umfassende Tourette-Diagnostik wichtige Bereiche angesprochen, so daß ein behandelnder Arzt sich noch vor dem Erstkontakt ein Bild von dem individuellen Krankheitsverlauf und der aktuellen Situation des Patienten machen kann.

Im Rahmen der wissenschaftlichen Auswertung einer umfangreichen anonymisierten Datenbank mit Angaben aus dem TGD-Fragebogen war es möglich, durch Bündelung vieler individueller und breit gefächerter Informationen zu neuen Aussagen für die TS-Situation in Deutschland zu gelangen oder bereits international vorhandene Befunde zu untermauern.

An dieser Stelle sei bereits darauf hingewiesen, daß die vorliegende Untersuchung zu diesem Instrument nicht dazu dienen sollte, um mithilfe des TGD-Fragebogens verschiedenartige konkrete, aus psychologischen oder medizinischen Theorien abgeleitete Hypothesen zu überprüfen. Vielmehr wurde der TGD-Fragebogen entsprechend seiner klinisch-diagnostischen Funktion dazu genutzt, um gezielt soziodemographische und klinisch relevante Informationen über Tourette-Patienten zu sammeln. Die systematischen Auswertungen der erhobenen Informationen wurden in dem vorliegenden Bericht daher überwiegend beschreibend vorgenommen. Die Ergebnisse werden im Diskussionsteil noch einmal kurz aufgegriffen, um sie zu interpretieren und sie mit Befunden aus der Literatur in Bezug zu setzen. Im Anschluß daran werden die Schwächen des bisherigen TGD-Fragebogens, die sich im wissenschaftlichen Umgang bezüglich Codierung, Auswertung und Interpretation ergaben angesprochen und die daraus weiter entwickelte Version des TGD-Fragebogens vorgestellt.

 

Beschreibung des TGD-Fragebogens

Beim TGD-Fragebogen handelt es sich nicht um ein Instrument zur Erfassung des generellen Schweregrades einer Tourette-Störung, sondern um ein Selbst- bzw. Fremdbeobachtungsinstrument, das auf eine strukturierte störungsspezifische Anamnese abzielt. Inhaltlich wird dabei eine große Bandbreite an Informationen zu verschiedenen interessierenden Bereichen abgedeckt, auf die im weiteren Verlauf näher eingegangen werden soll.

Der TGD-Fragebogen wurde seit 1994 eingesetzt, um einen Überblick über die über die Häufigkeit des Tourette-Syndroms in Deutschland und die Alltags- und Versorgungssituation von Tourette-Patienten zu gewinnen. Zu diesem Zweck wurde er von der Tourette-Gesellschaft Deutschland systematisch an Mitglieder in ganz Deutschland verschickt. Zum anderen kam der TGD-Fragebogen in der Praxis bei der Arbeit mit Tourette-Patienten zum Einsatz. So wird der Fragebogen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie Göttingen den Betroffenen vor dem Erstkontakt zugeschickt, so daß dieser beim Erstkontakt bereits ausgefüllt vorliegt. Im Lauf der klinischen Untersuchung kann dann detailliert auf die einzelnen Themenbereich eingegangen und bei Bedarf der TGD-Fragebogen ergänzt oder modifziert werden.

Der TGD-Fragebogen umfaßt 11 Seiten mit 32 Fragen, die in drei übergeordnete Themengebiete gegliedert sind (allgemeine Angaben, Angaben zum Tourette-Syndrom/zur Tic-Störung, Angaben zur Behandlung). Bei den Fragen handelt es sich sowohl um geschlossene Fragen, bei denen der Betroffene die für ihn zutreffende Antwort ankreuzt, als auch um offene Fragen, welche unerläßlich sind, um der stark variierenden Symptomatik und der individuellen Ausprägung verschiedener Aspekte der Störung Rechnung zu tragen. Aus diesem Grund stellen sehr viele Fragen des TGD-Fragebogens sogenannte “Hybridfragen” dar, also Kombinationen von offenen und geschlossenen Angaben, welche die Möglichkeit bieten, zusätzlich zu formulierten Antwortvorgaben eine weitere Antwort aufzuführen. Teilweise wurden auch Filterfragen eingesetzt, um das Vorliegen bzw. Nichtvorliegen des trennenden Merkmals zu ermitteln (z.B. “Nehmen Sie zur Zeit Medikamente ein?”). Durch diese wird versucht sicherzustellen, daß die folgenden Fragen nur von Personen beantwortet werden, auf welche die interessierende Information zutrifft.

Die folgende Vorstellung der im TGD-Fragebogen erfragten Inhalte orientiert sich an der inhaltlichen Struktur des Fragebogens. Der tatsächliche Wortlaut der Fragen im TGD-Fragebogen weicht von den folgenden Formulierungen ab, da im TGD-Fragebogen versucht wird, sowohl Personen, die den TGD-Fragebogen für sich selber ausfüllen als auch Personen, die den Fragebogen für ihre Kinder oder Angehörigen ausfüllen anzusprechen. Zur Vereinfachung wurden die Fragen hier neutral umformuliert.

In der Instruktion wird über den Zweck des Fragebogens informiert und die Bitte geäußert, daß für Jugendliche unter 16 Jahren die Eltern bzw. Bezugspersonen den Fragebogen ausfüllen sollen.

 

Teil A: Allgemeine Angaben

1. Beurteilungstechnisch notwendige Informationen

(Fragen 1 und 2)

Von wem und wann wurde der Fragebogen ausgefüllt?

2. Demographische Daten

(Fragen 3 bis 8)

Geschlecht, Alter, Familienstand, Ausbildungsstand, Beruf, derzeitige Wohnsituation des Patienten

 

Teil B: Angaben zum Tourette-Syndrom/zur Ticstörung

3. Kurzanamnese des Verlaufs der Erkrankung und der Konsultationsgeschichte

(Fragen 9 bis 14)

In welchem Alter begann die Ticerkrankung? Mit welcher Art von Tics begann sie? Stellte jemals ein Arzt die Diagnose eines Tourette-Syndroms? In welchem Alter? Wurden Begleitstörungen festgestellt? Welche? Wer stellte erstmals die Diagnose eines Tourette-Syndroms? Wurde vor der Diagnose eines Tourette-Syndroms von einem Arzt eine andere Erklärung für die Ticsymptomatik gegeben? Welche Ärzte/Therapeuten wurden vor bzw. nach der Diagnosestellung aufgesucht?

4. Angabe aktueller/früherer Symptome

(Frage 15)

Welche motorischen/vokalen Tics treten gegenwärtig bzw. traten zu irgendeinem Zeitpunkt der Erkrankung auf?

5. Ticbegleitende Umstände und modulierende Faktoren

(Fragen 16 bis 19)

Ist es möglich die Tics zu unterdrücken? Geht dem Tic das Verspüren eines Vorgefühls voraus? Welcher Art ist dieses Vorgefühl? Welche äußeren Umstände führen zu einer Verstärkung der Tics? Welche äußeren Einflüsse führen zu einer Abschwächung der Tics?

6. Soziale Akzeptanz

(Fragen 20 bis 21)

Welche Tics belasten am meisten? Führten die Tics zu einer sozialen Beeinträchtigung? In welchem Bereich?

7. Familiäre Kurzanamnese

(Frage 22)

Sind in der Familie weitere Angehörige von Tics betroffen? Wieviele? Haben diese Angehörigen einen Arzt aufgesucht?

 

Teil C: Angaben zur Behandlung

8. Medikamentöse Therapie und ihre Wirkung

(Fragen 23 bis 29)

Wurden wegen der Ticsymptomatik jemals Medikamente eingenommen? Welche Medikamente? Wie wirksam war dieses Medikament in bezug auf die Ticsymptomatik/das Verhalten? Werden zur Zeit Medikamente wegen der Ticsymptomatik eingenommen? Welche Medikamente? Wie lange wird das Medikament bereits eingenommen?

Wie wirkt die aktuelle Behandlung auf die Tics/das Verhalten? Wurde jemals Ritalin® verabreicht? Wie veränderte sich unter Ritalin®-Einnahme die Ticsymptomatik/das Verhalten?

Erfolgt zur Zeit eine Einnahme von Akineton®? Welche Nebenwirkungen traten gegebenenfalls bei der Gabe erfragter Medikamente auf? Führten diese Nebenwirkungen jemals zum Absetzen eines der obigen Medikamente?

9. Weitere therapeutische Maßnahmen und ihre Wirkung

(Frage 29 bis 30)

Wurde vor/nach der Diagnosestellung eines Tourette-Syndroms eine andere Therapie durchgeführt? Welche? Wie wirkten sich diese Maßnahmen auf die Ticsymptomatik/das Verhalten aus?

10. Diagnose anderer psychischer Störungen

(Frage 31)

Wurde jemals die Diagnose einer anderen psychischen Störung gestellt? Wurde diese Störung behandelt? Wie wurde sie behandelt?

Abschließend stehen unter der Frage 32 mehrere Zeilen für eigene Anmerkungen zur Verfügung. Der Raum kann z.B. zum Bericht über positive sowie negative Erfahrungen im Zusammenhang mit der Erkrankung genutzt werden.

 

Auswahl der Stichprobe

In der hier berichteten Erhebung wurden alle Datensätze zum TGD-Fragebogen aufgenommen, die im Zeitraum zwischen 1994 und 2000 zur Verfügung standen. Es waren dies Angaben von 408 betroffenen Personen im Alter von 5 bis über 60 Jahren (siehe Tabelle 1)

Tabelle 1 : Verteilung der Stichprobe nach Alter und Geschlecht

Ein Großteil der ausgefüllten TGD-Fragebogen stammte von Patienten, die zur stationären oder ambulanten Behandlung einer Tic-Störung in der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität Göttingen vorgestellt wurden. Ein anderer Teil der Bögen erhielten wir von Betroffenen, die andernorts in Deutschland in Betreuung waren. Dies und die Tatsache, daß in der Kinder- und Jugendpsychiatrie Göttingen Kinder, Jugendliche und auch Erwachsene mit Tic-Störungen aus ganz Deutschland behandelt wurden, erlaubt es uns, von einer möglichen demographischen Repräsentativität der Stichprobe für ganz Deutschland auszugehen.

Ein weiteres wesentliches Auswahlkriterium war, daß die in die Untersuchung einbezogenen Patienten die Diagnosekriterien einer Tourette-Störung im Sinne der ICD-10 erfüllten (F 95.2). Dies wurde, soweit möglich, durch Hinzuziehung von fachärztlicher Information sicher gestellt. Insgesamt muß dabei aber bei einer Anzahl von Patienten von einer Unschärfe der Diagnosestellung ausgegangen werden.

 

Formale Auswertung des TGD-Fragebogens

Da es sich bei dieser Untersuchung um die erste wissenschaftliche Auswertung des TGD-Fragebogens handelt, wurde zunächst ein Codierplan entwickelt, um alle Variablen des TGD-Fragebogens in eine statistisch verwertbare und vergleichbare Form zu bringen. Auch wurden verschiedene Untergruppen gebildet, um Vergleiche z.B. hinsichtlich verschiedener demographischer oder Tic spezifischer Merkmale zu ermitteln (z.B. männlich versus weiblich, Vorgefühl Ja/Nein, Unterdrückbarkeit der Tics Ja/Nein).

Die Auswertung der Datensätze erfolgte mit dem Statistikprogramm SPSS (Version 10.0). Näheres zu diesen methodischen Fragen siehe Gorskowski (2001).

 

 3.Ergebnisse

Stichprobe

Zunächst ist festzuhalten, von wem die über den TGD-Fragebogen erhobene Informationen stammten. Von den 408 ausgewerteten TGD-Fragebogen wurden 61% von Vater und/oder Mutter ausgefüllt, 37% von den Betroffenen selber. In nur 2% der Fälle füllte eine andere Bezugsperson den Fragebogen aus. Nur wenige Fragebogen enthielten keine Angaben auf diese Frage.

   

Charakterisierende Stichprobenmerkmale

Alter, Geschlecht und Dauer der Erkrankung

Das Durchschnittsalter der Stichprobe betrug 19,5 Jahre (Standardabweichung = SD 12,3 Jahre, Spannweite 5 bis 76 Jahre). Über 90% der Betroffenen der Stichprobe waren zum Erhebungszeitpunkt 39 Jahre oder jünger (66% unter 20 Jahre; siehe Tabelle 1). In allen Altersbereichen war ein deutliches Überwiegen des männlichen Geschlechts festzustellen.

Bei den meisten Patienten (80%) begann die Erkrankung im Alter zwischen 4 – 11 Jahren und zeigte eine mittlere Dauer von 11 Jahren (SD = 11 Jahre, Spannweite 1 – 64 Jahre).

Männliche und weibliche Betroffene unterschieden sich weder im Hinblick auf ihr Alter noch im Hinblick auf die Dauer der Erkrankung

 

Familienstand, Wohnsituation und Ausbildung

86% der Betroffenen waren zum Zeitpunkt der Untersuchung ledig, 2% geschieden und 12% verheiratet. Die meisten (69%) wohnten bei ihren Eltern, 17% bei Partner oder Kind und 9% alleine.

Bei den Angaben zum aktuellen Ausbildungsstand zeigte sich, daß nur wenige in der Sonderschule (5%) bzw. Universität (4%) waren, während 23% die Grundschule, 13% die Hauptschule sowie jeweils 21% Realschule und Gymnasium besuchten.

 

Störungsspezifische Ergebnisse

Der Weg zur Diagnose

Insgesamt gaben 56% der Befragten an, daß ein Arzt bei ihnen die Diagnose eines Tourette-Syndroms gestellt habe, was zunächst ungewöhnlich erscheint, da die Stichprobe gezielt nach der Diagnose F 95.2 (ICD-10) ausgewählt wurde. Dies liegt mit daran, daß diese Diagnose bei einem großen Anteil der Patienten erst nach dem Ausfüllen des Fragebogens, d.h. während der Vorstellung bei einem Facharzt, gestellt wurde. Nach Stellung der Diagnose Tourette-Syndrom wurden vorrangig Nervenärzte sowie Kinder- und Jugendpsychiater aufgesucht (siehe Abbildung 1 oder 2).

 

Abbildung 1 oder 2

Die Tic-Störung begann in 60% der Fälle mit motorischen Tics, bei 7% mit vokalen Tics und bei 33% mit sowohl motorischen als auch vokalen Tics.

Bei 77% der Befragten mit der Diagnose Tourette-Syndrom zum Zeitpunkt des Ausfüllens des Fragebogens wurde zunächst von ärztlicher Seite ein anderer Hintergrund für die Tic-Symptomatik angenommen als das vorliegende Tourette-Syndrom (z.B. Nervosität, motorische Unruhe/Hyperaktivität, Tics oder Tic-Störung, neurotische Tic-Störung oder auch sonstige Erklärungen wie Epilepsieverdacht, Veitstanz, neurotische Mutter, psychische Probleme). Mitunter wurden mehrere Fachleute konsultiert, bevor die richtige Diagnose gestellt werden konnte. Zwischen Auftreten der ersten Symptomatik und Sicherung der Diagnose vergingen in der Regel drei bis fünf Jahre.

 

Tic-spezifische Symptomatik

Die Anzahl jemals gezeigter motorischer Tics lag im Mittelwert bei 8,4 (SD = 4.2; Spannweite 1 – 24), wobei für die Zeit früher sowie aktuell jeweils eine Anzahl von etwa 6 angegeben wurde. Wie zu erwarten, wurden am häufigsten kopfnahe Tics angegeben (z.B. Kopfbewegungstics 82%, Augenblinzeln 76%, Grimassieren 74%, Schulterzucken 59%, Augenrollen 42%, Springen 19%, Klopfen 17%, Ausführen obszöner Gesten 12%, wobei Mehrfachnennungen möglich waren).

Die Anzahl vokaler Tics lag früher sowie aktuell bei etwa 3 und insgesamt wurde eine mittlere Anzahl von 4 (SD = 2.7; Spannweite 0-14) angegeben. Prozentual führten hier Räuspern (55%), Schniefen (40%), Hüsteln (38%), Wortwiederholungen (34%), Grunzen (34%), Schreie ausstoßen (30%), Koprolalie (24%), Spucken (20%), Bellen (14%), Pfeifen und Summen (25%). Auch hierbei sind Mehrfachnennungen zu berücksichtigen.

 

Tic-begleitende und modulierende Faktoren

Tics können durch innere und äußere Faktoren verstärkt bzw. abgeschwächt werden. Deswegen wurde nach solchen Merkmalen gefragt.

Im Hinblick auf verstärkende Faktoren wurden insbesondere Streß (86%), Wut und Ärger (71%), Freude (57%) und Aktivitäten am Fernseher oder Computer (41%) angegeben. Hier waren auch Mehrfachantworten möglich. Fast alle Personen gaben mindestens einen Faktor an, der die Symptomatik bei ihnen verstärken könne. Allgemein kann man alle diese Faktoren als Situationen zusammenfassen, in denen durch freudige oder ärgerliche Erregung eine Verstärkung des sogenannten Arousal vorliegt.

Was die Abschwächung der Tic-Symptomatik anbetrifft, stellte sich die Situation bei den 408 Betroffenen so dar, daß eine solche durch Sport (41%), konzentrativ entspannende Tätigkeit (62%), Ferien (40%) und Medikamente (64%) beobachtet wurde. Mehrfachantworten waren möglich. In der Kategorie der zusätzlichen offenen Antworten fanden sich hier vor allem spezielle Tätigkeiten, die sowohl konzentrativ als auch entspannend sein können. Es wurde aber auch von manchen Personen angegeben, daß konzentrative Tätigkeiten bei ihnen die Tics verstärken können.

 

Soziale Faktoren

Die offenkundigen Tic-Symptome haben oft eine unangenehme Auswirkung auf das menschliche Miteinander, zumal es den Betroffenen oft schwer fällt (50%), anderen Personen ihre Tics zu erklären. So erlebten etwa 70% der Befragten eine soziale Beeinträchtigung durch die Tic-Symptomatik. Die unterschiedlich erfragten Zusammenhänge, in denen die soziale Beeinträchtigung wahr genommen wurde, fand sich in drei wesentlichen Bereichen (Familie 31%, Schule/Arbeitsplatz 58%, Altersgruppe/Partnersuche 50%).

Personen die angaben, aufgrund ihrer Tic-Symptomatik in mindestens einem der genannten Bereiche eine soziale Beeinträchtigung zu erleben, unterschieden sich nur geringfügig von denen, die keine soziale Beeinträchtigung berichteten im Hinblick auf Lebensalter und Dauer der Erkrankung. Allerdings hatten Patienten, die eine wahrgenommene soziale Beeinträchtigung in mindestens einem der Bereiche berichteten, aktuell mehr verschiedene Tics.

Ein weiterer Aspekt, mit dem sich der TGD-Fragebogen auseinandersetzt, bezieht sich auf das familiäre Vorkommen von Tic-Störungen. 28% der 408 befragten Patienten gaben an, daß ihnen Angehörige bekannt sind, die ebenfalls von einer Tic-Symptomatik betroffen sind. Davon waren bei einem Drittel mehrere Angehörige betroffen. Dagegen hatten 42% keine Angehörigen mit Tic-Symptomen und weitere 30% konnten dazu keine Angaben machen.

In den letzten Jahren stellte sich immer deutlicher heraus, daß viele Patienten, insbesondere Erwachsene, vor den Tics eine Art Vorgefühl verspüren, welches ihnen erlaubt, den Tic zu erkennen, ihm zu begegnen oder ihn umzuleiten. Damit stellt sich auch die Frage nach der Unterdrückbarkeit von motorischen und vokalen Tics, die eng verknüpft ist mit der Überlegung, ob Tics unwillkürlich sind oder auch eine willentliche Komponente beinhalten.

Insgesamt wurde übereinstimmend festgestellt, daß eine große aber nicht genau festzulegende Anzahl von Personen in der Bevölkerung lebt, deren Tourette-Syndrom nicht diagnostiziert wird und daher gar keine oder unqualifizierte Behandlung erfährt.

Das Tourette-Syndrom ist vielfach von anderen Auffälligkeiten begleitet (z.B. Aufmerksamkeitsdefizit/Hyperaktivitätsstörung, Zwangsstörung, selbstverletzendes Verhalten, Schlafstörungen, Wutausbrüche, Autismus). Am ehesten finden sich solche Kombinationen bei Patienten, die in einer Klinik vorgestellt werden.

Insgesamt gaben 45% der Befragten an, ein Vorgefühl vor den Tics wahrzunehmen. Sehr deutlich wurde, daß diese Anzahl ab dem Alter von 11 Jahren deutlich zunimmt (unter 10 Jahren 23% der Altersklasse, 11 bis 20 Jahre 44% und über 20 Jahre 61%). Entsprechend nimmt der Anteil der “Weiß nicht”-Antworten ab. Allerdings unterscheiden sich die beiden Gruppen nach Vorgefühl-Ja/-Nein weder im Lebensalter, noch im Alter bei Beginn der Tics noch in der Erkrankungsdauer der Tic-Symptomatik.

Die Unterdrückbarkeit von Tics wird insgesamt von 67% der Befragten bejaht. Auch hier zeigt sich die Altersschwelle von 10 Jahren (bis zu 10 Jahren 48% der Altersgruppe, 11 bis 20 Jahre 71%, über 20 Jahre 76%). Auch die “Weiß nicht”-Antworten nehmen mit dem Älterwerden ab.

Personen, die ihre Tics unterdrücken können, sind signifikant älter (21 versus 18 Jahre), weisen eine längere Erkrankungsdauer der Tic-Symptomatik auf (12 versus 9 Jahre), unterscheiden sich aber nicht im Alter bei Beginn der ersten Tics (9 Jahre versus 9 Jahre).

Betrachtet man den Zusammenhang zwischen dem wahrgenommenen Vorgefühl vor den Tics und der Unterdrückbarkeit der andrängenden Tics, so wird deutlich, daß die Unterdrückbarkeit bei wahrgenommenem Vorgefühl eher möglich ist (Vorgefühl Nein 53%, Vorgefühl “Weiß nicht” 60%, Vorgefühl Ja 79%).

 

Begleitende psychische Auffälligkeiten

Dem wesentlichen Gesichtspunkt der begleitenden Erlebens- und Verhaltensauffälligkeiten wurde im TGD-Fragebogen durch zwei verschiedene Fragen Rechnung getragen, zum einen anhand der Frage nach auftretenden Begleitstörungen. Zum anderen mit der Frage nach weiteren diagnostizierten psychischen Störungen.

Die Frage nach den Begleitstörungen stellte eine offene Frage dar, so daß bei dieser Antwort viele verschiedene Aspekte angesprochen werden konnten. Insgesamt gab es 235 Nennungen (58%), wobei auch Mehrfachnennungen vorkommen konnten (Vorkommen assoziierter psychischer Störungen, N = 408)

Wie zu erwarten war motorische Unruhe oder Aufmerksamkeitsdefizit/Hyperaktivitätstörung in etwa 40% der Fälle zu finden.

An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, daß nicht davon ausgegangen werden kann, daß es sich bei den berichteten jemals aufgetretenen psychischen Störungen um Diagnosen im Sinne der ICD-10 bzw. der DSM IV handelt, sondern eventuell nur um aufgetretene Verhaltensauffälligkeiten, die jedoch nicht unbedingt zu einer klinischen Diagnose geführt haben. Mehrfachnennungen waren möglich.

Um einen Vergleich mit isolierten Tourette-Symptomen und Patienten mit mindestens einer assoziierten Störung betreffend Tic-spezifischer Merkmale vornehmen zu können, wurden die Patienten, die ausschließlich eine Tourette-Symptomatik (42%) aufwiesen mit einer anderen Gruppe (zusätzlich andere Symptomatiken, 58%) verglichen.

Die Gruppe mit der alleinigen Tourette-Symptomatik war jünger, wies weniger motorische und vokale Tics auf, hatte eine geringere soziale Beeinträchtigung und weniger nicht-medikamentöse Therapien.

 

 

Das Spektrum therapeutischer Maßnahmen

Medikamentöse Therapie und ihre subjektiv wahrgenommenen Effekte

Etwa 75% der Betroffenen hatten während ihrer Tic-Symptomatik irgendwann einmal Medikamente eingenommen. Die Rangfolge der einzelnen Substanzen ist in Tabelle 11 zu sehen. Aktuell allerdings nahmen nur noch etwa 45% ein Medikament zur Linderung der Tics ein (vorrangig Tiaprid). Die Medikation hat offenbar zumindest zu einer leichten Besserung geführt, wurde aber verschiedentlich auch wegen Nebenwirkungen (z.B. Müdigkeit, Lustlosigkeit, Gewichtszunahme, Verschlechterung der Stimmung) abgesetzt (siehe Tabelle 12). Im Hinblick auf die aktuelle Medikation zur Linderung der Tics gaben 84% der Betroffenen eine Besserung an. Im Hinblick auf Medikation und sonstiges Verhalten lag die Besserungsrate bei 57%.

Einen weiteren wichtigen Aspekt stellt die Behandlung der Tourette-Patienten mit Methylphenidat dar, einer Substanz, welche besonders im Rahmen einer Aufmerksamkeitsdefizit/Hyperaktivitätsstörung zur Therapie eingesetzt wird. Insgesamt hatten 39 Patienten irgendwann einmal eine Methylphendiatbehandlung (hier Ritalin-R) erhalten. Wenn man berücksichtigt, daß dies in der Regel nur für jüngere Betroffene in Frage kommt, so sind dies bis zum Alter von 20 Jahren etwa 16% der hier vorgestellten Altersgruppe. Es war danach zu prüfen, ob die Ritalin-Medikation eine subjektiv wahrgenommene Wirkung auf die Tic-Symptomatik hatte.

Die meisten Befragten gaben an, die Tic-Symptomatik habe sich während der Behandlung mit Ritalin verschlechtert, während das sonstige Verhalten sich durchaus auch verbessern konnte.

 

Abbildung 2 oder 3: Wahrgenommene Wirkung von Ritalin auf Tics und Verhalten

In der derzeitigen Diskussion um die Frage, ob Methylphenidat auch fachgerecht eingesetzt werde, wurde geschaut, wie häufig das Medikament bei der Tic-Begleitstörung
"Motorische Unruhe/Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung" (n = 113) gegeben wurde. In dieser Gruppe erhielten 28% im Verlauf ihrer Erkrankung einmal Ritalin, während dies in der Gruppe, die eine solche Begleitstörung nicht aufwies, in 6% der Fälle vorkam.

 

Nicht-medikamentöse Therapieformen und ihre subjektiv wahrgenommene Wirkung

In der Behandlung des Tourette-Syndroms wird neben der Medikation auch auf andere therapeutische Maßnahmen zurückgegriffen. Zunächst werden die nicht-medikamentösen Therapieformen mit ihrer subjektiv wahrgenommenen Wirkung auf Tics und Verhalten dargestellt. Aufgeführt werden hier nur solche Therapieformen, von denen insgesamt mindestens 10% der Betroffenen angaben, aufgrund ihrer Tic-Symptomatik eine solche Therapie durchgeführt zu haben. Es folgt eine Differenzierung in “Therapie vor” und “Therapie nach” Diagnose des Tourette-Syndroms. Mehrfachnennungen waren möglich.

Insgesamt gaben 78% der Betroffenen an, irgendwann einmal eine nicht-medikamentöse Therapie erhalten zu haben. Den größten Raum nehmen hierbei die Gesprächstherapie, autogenes Training, stationäre Behandlung, Entspannungstraining, Spieltherapie, Verhaltenstherapie und Familientherapie ein.

Betrachtet man die Ergebnisse differenziert zwischen vor Diagnose und nach Diagnose, so findet man, daß 69% der Patienten vor ihrer Diagnose eine nicht-medikamentöse Therapie durchführten, während dies nach Diagnosestellung noch 61% waren. Bei Vergleich der wahrgenommenen Wirkung muß berücksichtigt werden, daß sich die Beurteilungen auf unterschiedliche Stichprobenumfänge beziehen, so daß ein direkter Vergleich zwischen den Therapieformen nur bedingt möglich ist. Weiterhin muß in Betracht gezogen werden, daß sich die Patienten in bestimmten Merkmalen, wie z.B. Alter, Dauer der Tic-Symptomatik und Schwere der Symptomatik unterscheiden und aus diesem Grund wahrscheinlich eher unterschiedlichen Therapien zugeführt wurden.

Vor diesem Hintergrund betrachtet findet sich die beste wahrgenommene Wirkung sowohl auf die Tics als auch auf das Verhalten bei der stationären Therapie, die allerdings in der Regel als Kombinationsbehandlung verschiedener spezieller Therapieformen angesehen werden muß. Aber auch die Entspannungsübungen und (nach der Diagnosestellung) Spieltherapie und Verhaltenstherapie werden in Bezug auf die Tic-Symptomatik als wirksam (leichte Besserung der Tics) wahrgenommen. Vorteilhafte Beurteilungen für die Auswirkungen auf das Verhalten finden sich vor allem bei der Verhaltenstherapie.

Da nicht für alle Patienten bereits zum Zeitpunkt des Ausfüllens des TGD-Fragebogens die Diagnose eines Tourette-Syndroms gestellt worden war, wurde zur Beurteilung der Auswirkungen nicht-medikamentöser Therapieformen nach der Diagnose nur die Antworten der 224 Patienten mit bereits erfolgter TS-Diagnose herangezogen.

 

 4.Diskussion 

Ziel der vorliegenden Untersuchung war es, Informationen über den Krankheitsverlauf und den aktuellen Krankheitsstatus von Tourette-Patienten in Deutschland zu gewinnen. Dazu wurden in der vorliegenden Arbeit systematisch die Daten des TGD-Fragebogens von 408 Tourette-Patienten ausgewertet. Die erhaltenen Ergebnisse des TGD-Fragebogens sollten auch dazu führen, das vorliegende Instrument eventuell zu verbessern und eine revidierte Version zu erstellen.

Es muß betont werden, daß die hier vorliegenden Daten nicht dazu geeignet sind, aus psychologischen oder medizinischen Theorien abgeleitete Hypothesen zu testen. Vielmehr dienen sie dem Zweck, trotz aller Unschärfe, die die Art der Datenerhebung mit sich gebracht hat, erstmals epidemiologische Daten zum Tourette-Syndrom in Deutschland zu benennen. Dieser Leitgedanke einer systematischen Sammlung von Informationen über Tourette-Patienten entspricht dem ursprünglichen Ziel, welches durch die Konzeption des TGD-Fragebogens verfolgt wurde. Durch diese Sammlung und Auswertung von Informationen aus vielen relevanten Bereichen der Störung wird die Entwicklung neuer wissenschaftlicher Hypothesen erleichtert, die dann zu gezielten Forschungsprojekten führen können.

Insgesamt müssen also mehrere begrenzende Faktoren bei der Betrachtung der vorliegenden Daten im Blick gehalten werden. So ist die epidemiologische Repräsentativität der Stichprobe nicht gesichert, der TGD-Fragebogen trägt in sich als Erhebungsinstrument einige Unsicherheiten und die von den Betroffenen gegebenen Informationen konnten nur begrenzt fachlich gegengeprüft werden.

 

Stichprobenmerkmale

Ausbildungsstand und Schulform verteilen sich bis auf die niedrigen Prozentsätze bei Sonderschule und Universität/Studium gleichmäßig auf die Bildungseinrichtungen, wobei Realschule und Gymnasium etwa 46% ausmachen. Dieses gute durchschnittliche Ausbildungsniveau bestätigt die Beobachtung, daß Tourette-Patienten in ihrer intellektuellen Leistung in der Regel nicht beeinträchtigt sind (Rothenberger 1991). Zu erwarten ist allerdings, daß auch Schichtzugehörigkeit für dieses Ergebnis mit verantwortlich ist und besonders in Familien mit hohem sozioökonomischem Status die Behandlung der erkrankten Kinder forciert wird. Da der TGD-Fragebogen keine Information zur Schichtzugehörigkeit abbildet, war es leider nicht möglich, diesen vermuteten Zusammenhang anhand der vorliegenden Daten zu überprüfen.

 

Erkrankungsdauer

Für die Dauer der Erkrankung bis zum Zeitpunkt des Ausfüllens des TGD-Fragebogens fand sich in der untersuchten Stichprobe ein Mittelwert von 11 Jahren, wobei sich eine prozentual relativ gleichmäßige Verteilung zwischen 1 und 6 Jahren fand und danach die prozentualen Häufigkeiten allmählich absanken. Dies spricht u. a. für die Tatsache, daß die Tic-Symptomatik im Lauf des Lebens in der Regel nachläßt und die Anzahl der sich vorstellenden Betroffenen geringer wird. Sieht man sich die Verteilung der Stichprobe nach dem Alter an, so ist eine erste deutliche Verringerung er prozentualen Häufigkeit nach dem 14. Lebensjahr festzustellen und zweiter deutlicher Sprung ab dem Alter von 40 Jahren.

 

Geschlechtseffekte

Das hier gefundene Verhältnis von etwa 3 zu 1 männlicher zu weiblicher Tourette-Patienten ist gut in die Befunde der Literatur einzuordnen (Freeman et al. 2000). Weitere geschlechtsspezifische Effekte lassen sich aus dem Vorherrschen begleitender psychiatrischer Auffälligkeiten (z.B. ADHS) erkennen, die im Bereich der sozialen Beeinträchtigungen für die Jungen eine schwierigere Situation reflektieren (siehe auch Freeman et al. 2000).

 

Diagnosestellung

Bezüglich ihrer diagnostischen Situation gaben nur etwas über die Hälfte aller untersuchten Patienten an, daß bei ihnen bereits vor dem Erhebungszeitpunkt die Diagnose Tourette-Syndrom gestellt wurde. Die Stichprobe war aber u. a. anhand des Kriteriums “Vorliegen der Diagnose des Tourette-Syndroms nach ICD-10 (F 95.2)” ausgewählt worden. Auch dies läßt sich dadurch erklären, daß für die Betroffenen, die zum Zeitpunkt des Ausfüllens ohne Tourette-Diagnose waren, erst im Lauf ihrer Behandlungszeit bei den Fachleuten diese Diagnose gestellt wurde.

Der mittlere Beginn der Erkrankung lag im Altersbereich von etwa 4 bis 7 Jahren, die Diagnose wurde meistens drei bis vier Jahre später gestellt. Auch dies läßt sich ohne weiteres in die internationale Datenlage einordnen (Freeman et al. 2000). Die Patienten suchen in erster Linie Fachleute aus dem medizinisch-psychologischen Bereich auf, bei Kindern Kinderarzt und Kinder- und Jugendpsychiater, bei Erwachsenen die Neurologen und Psychiater. Entsprechend der Erstsymptomatik (z.B. Augenblinzeln und mitunter Räuspern) sowie Schwierigkeiten im Umgang mit anderen Kindern sowie der Eindruck einer unerklärlichen Symptomatik werden auch Hals-Nasen-Ohrenärzte, Augenärzte, Psychologen, Heilpraktiker und vielfach der Hausarzt aufgesucht. Nach Diagnosestellung verschiebt sich die Anlaufstelle in Richtung der Fachleute, die einen neuropsychiatrischen Hintergrund vorweisen können. Es ist also sehr wichtig, insbesondere Kinderärzte und Hausärzte immer wieder über das Störungsbild des Tourette-Syndroms zu informieren, damit diese die Betroffenen möglichst schnell einer fachgerechten Diagnose zuführen können und somit zumindest deren Ungewissheit bezüglich der bizarren Symptome reduziert wird. Dies gilt insbesondere deswegen, weil eine große Anzahl der Betroffenen zunächst eine ganz andere Erklärung für die gezeigte Symptomatik erhielt und die Symptome oft in ihrer Bedeutung und Chronizität unterschätzt werden. Obwohl zu beachten ist, daß nicht jedes Kind, bei dem zunächst motorische oder vokale Tics auftreten, später ein Tourette-Syndrom entwickeln wird (von 400 Grundschulkindern ist es etwa ein Kind) könnte durch eine verstärkte Aufklärung von Ärzten und Therapeuten zumindest das Wissen um die zeitlichen Verlaufsaspekte der Tic-Störung verbessert, der Blick für die Besonderheiten dieser Störung geschärft und somit in manchen Fällen eine zeitigere Diagnosestellung erreicht werden.

 

Motorische und vokale Tics

Im Hinblick auf die Tic-Symptomatik ergab sich, daß zu Beginn der Erkrankung in den meisten Fällen zunächst motorische Tics auftreten. Ausschließlich vokale Tics fanden sich zu Beginn nur selten. Dies deckt sich mit den Befunden von Bruun (1988), die außerdem berichtete, daß meist einfache Tics als Initialsymptome einer Tourette-Störung auftreten. Dieser Befund konnte auch von uns beobachtet werden. Ferner war auch klar zu erkennen, daß am häufigsten Tics im Kopf-Schulter-Bereich erlebt und berichtet werden, während motorische Tics im Rumpf- und Beinbereich eher selten sind und auch Tics mit eingeflochtenen Zwangskomponenten (z. B. Klopfen und Berühren, obszöne Gesten) deutlich seltener auftreten. Eine ähnliche Häufigkeitsabfolge läßt sich auch für die vokalen Tics finden, wobei Räuspern und Schniefen ganz vorne genannt werden und Bellen, Summen, Pfeifen sowie Koprolalie nicht besonders häufig auftreten.

Da die Tics in Anzahl, Intensität und Art über die Zeit variieren, ist es nicht verwunderlich, daß bei manchen Patienten eine hohe Anzahl von Tics zusammenkommt. Die mittlere Anzahl der aktuellen motorischen Tics liegt mit etwa sechs deutlich höher als die der vokalen Tics (im Mittel drei). Dies entspricht dem uns bekannten natürlichen Abbild und Verlauf und rechtfertigt auch die in der Diagnosestellung genannte Gewichtung zugunsten der motorischen Tics (mindestens zwei motorische Tics und ein vokaler Tic sollten beim Tourette-Syndrom nachweisbar sein).

 

Vorgefühl, Unterdrückbarkeit und Kontextabhängigkeit von Tics

In der Literatur finden sich Hinweise darauf, daß sich das Phänomen eines Vorgefühls vor Auftreten des Tics erst mit einer Krankheitsdauer von ca. drei Jahren manifestiert (Leckman et al. 1999) bzw. wahrgenommen wird, wobei davon ausgegangen werden kann, daß die Fähigkeit zur Introspektion mit steigendem Alter zunimmt. Überraschenderweise fand sich in der vorliegenden Untersuchung aber kein höheres Lebensalter, kein höheres Alter bei Beginn der ersten Tics und keine längere Erkrankungsdauer bei Personen, die angaben, ein Vorgefühl vor Auftreten eines Tics zu verspüren. Ob dabei eine Rolle spielt, daß bei den jüngeren Patienten oft Eltern den TGD-Fragebogen ausgefüllt haben, die ein solches Vorgefühl bei ihrem Kind nicht erfragt oder nicht gekannt haben, muß offen bleiben. Auch wenn gezielte fachliche Nachfragen manchmal doch den Bericht über ein Vorgefühl zutage bringen, so dürfte dies keinen entscheidenden Einfluß haben. Dies gilt auch für die Tatsache, daß manche Kinder dieses Vorgefühl als zum Tic zugehörig empfinden. Wie unsicher diese Angaben bei der untersuchten Gruppe von 408 Personen sind, läßt sich daraus ableiten, daß für fast 40% die Antwortvorgabe “Weiß nicht” als Antwort gewählt wurde.

Wenn man allerdings die verschiedenen Altersgruppen nach dem Vorgefühl vor den Tics befragt, so wird deutlich, daß mit zunehmendem Alter eher ein Vorgefühl erlebt wird (z.B. Spannung in einem Muskelbereich, innerer Drang den Tic auszuführen) und insbesondere nach dem 10. Lebensjahr deutlich häufiger vorkommt (bei den über 20jährigen etwa 61%).

Im Gegensatz dazu fanden sich bei der Frage nach der Möglichkeit, die Tics zumindest für einen gewissen Zeitraum unterdrücken zu können deutlich weniger “Weiß nicht”-Antworten (15%) und 67% Ja-Antworten. Auch hier ist ein deutlicher Alterseffekt mit mehr Ja-Antworten bei älteren Gruppen zu finden und der “Sprung” vom 10. zum 11. Lebensjahr wird ebenfalls deutlich. Eine Erklärung für die vermehrte Häufigkeit in Bezug auf Unterdrückbarkeit der Tics könnte sein, daß Eltern das Unterdrücken der Tic-Symptomatik (im Gegensatz zum Verspüren eines Vorgefühls) eher beobachten können und oft auch anmahnen.

Zu erwarten wäre ebenfalls, daß Tics, denen ein Vorgefühl vorausgeht, besser unterdrückt werden können als ein plötzlich und völlig unerwartet einschießender Tic. Dies scheint sich in gewissem Ausmaß zu bestätigen, da die Unterdrückbarkeit von Tics bei 53% derjenigen angegeben wird, die kein Vorgefühl zeigen, aber bei 79% derjenigen, die ein Vorgefühl berichten können. Inwiefern hier auch ein Zusammenhang mit einer erfolgreichen/nicht erfolgreichen Verhaltenstherapie zur Kontrolle der Tics gesehen werden darf, muß im Rahmen weiterer Untersuchungen geprüft werden.

Die von Rothenberger (1991) berichtete Verschlechterung der Symptomatik unter emotionaler Erregung (sei sie freudig oder ärgerlich) bzw. der Abschwächung von Tics durch Ablenkung und konzentrativ entspanntes Verhalten werden in der vorliegenden Studie bestätigt. So fand sich insbesondere Streß als modulierender Faktor, der eine Verschlechterung der Tic-Symptomatik bewirkten kann.

Im Hinblick auf die abschwächenden Faktoren übte insbesondere konzentratives entspanntes Arbeiten sowie die Medikation eine positive Wirkung auf die Tic-Symptomatik aus. Allerdings berichteten einige Betroffene auch von einer Verstärkung der Tics während einer Tätigkeit, die Konzentration verlange. Diese scheinbar divergierenden Befunde können dahingehend erklärt werden, daß manche Tätigkeiten, die Konzentration erfordern, für gewisse Personen eher einen Streßfaktor darstellen, während diese Tätigkeiten wiederum für andere Personen eher als willkommene Herausforderung empfunden werden. Gerade Kinder, die sowohl eine Tic-Störung als auch eine Aufmerksamkeitsdefizit/Hyperaktivitätsstörung aufweisen, können hier vermehrt Tics zeigen.

 

Begleitende psychische Auffälligkeiten

Robertson und Stern (2000) berichten sowohl bei Erwachsenen als auch bei Kindern und Jugendlichen von begleitenden psychischen Auffälligkeiten bei Tourette-Patienten und Freeman et al. (2000) stellen hier Aufmerksamkeitsdefizit/Hyperaktivitätsstörung, Zwangsmerkmale, emotionale Probleme und Lernstörungen in den Vordergrund. Sie fanden sogar, daß nur etwa 12% der Tourette-Patienten überhaupt keine weiteren psychiatrische Auffälligkeiten zeigen, während dies für etwa 40% der mit dem TGD-Fragebogen untersuchten Patienten gilt. Die Differenz läßt sich am ehesten dadurch erklären, daß bei Freeman et al. (2000) eine Einschätzung durch Experten erfolgte und diagnostische Kategorien gewählt werden sollten, während in der hier vorliegenden Untersuchung die subjektiven Angaben der Betroffenen zählten, die eine eher symptomorientierte Beantwortung durchführten.

Davon abgesehen wird auch durch die vorliegenden Befragung deutlich, daß Tourette-Patienten in hohem Maße (hier fast 60%) weitere psychische Auffälligkeiten zeigen.

Bei den direkt durch den TGD-Fragebogen assoziierten Störungsbildern war die mit Abstand am häufigsten berichtete komorbide Begleitstörung die “motorische Unruhe/ADHS” mit etwa 40%. Darüber hinaus wurde aber auch über Ängste, Zwänge und Depressionen berichtet. Andere diagnostizierte psychische Störungen umfaßten z.B. nächtliches Einnässen und Schlafstörungen, so daß man davon ausgehen kann, daß durch die den TGD-Fragebogen direkt erfaßten Störungsbereiche, abgesehen von der fehlenden eindeutigen Erfassung einer ADHS, das Spektrum der bekannten assoziierten Störungen beim Tourette-Syndrom sehr gut abgedeckt wird.

Die gefundenen Prozentzahlen liegen allerdings eher am unteren Rand der in der Fachliteratur berichteten Anteile, wobei vielfach eine Differenzierung nach dem Lebensalter nicht erfolgte. So darf man heutzutage im Hinblick auf die ADHS von einer Begleitsymptomatik in etwa 50% der Fälle ausgehen (z.B. Walkup et al. 1999, Robertson und Stern 2000, Freeman et al. 2000). Betrachtet man diese Zahlen, liegt das gefundene Ergebnis einer komorbiden ADHS-Symptomatik in unserer Stichprobe von 11% eher unter diesem Wertpunkt. Wenn man das Merkmal “motorische Unruhe” noch hinzunimmt, hinter dem sich eventuell nicht diagnostizierte ADHS-Fälle verbergen können, so kommt der Gesamtwert von etwa 40% der oben genannten Prozentzahl schon relativ nahe. Man muß auf jeden Fall berücksichtigen, daß der TGD-Fragebogen hier eine ungenaue Erfassung der Symptomatik bewirkte. Das hier berichtete Vorkommen stützt sich nur auf zwei Fragen zu ADHS und es besteht eine ungenaue Abgrenzung zur erfragten “motorischen Unruhe”.

Die angegebenen 25% an Begleitsymptomatik im Hinblick auf Zwangsmerkmale kommen dem zwanghaften Verhalten in der Arbeit von Freeman et al. (2000) zwar sehr nahe, dort wird aber (von Experten!) eine zusätzliche Zwangsstörung (27%) erwähnt, so daß der verschiedentlich berichtete Anteil von 40-80% Zwangssymptome bei einer Tourette-Störung (Leckman et al. 1994, Robertson und Stern 2000) deutlich über der hier gefundenen Prävalenz von Zwangssymptomen liegt. Es muß vermutet werden, daß in der oft schwierigen Unterscheidung von komplexen motorischen Tics und Zwangsmerkmalen (Moll und Rothenberger 1999) letztere von den Betroffenen oft den Tics zugeordnet werden, wie auch bei Fachleuten Zwangsprobleme vielfach nicht rechtzeitig erkannt werden.

Hinsichtlich begleitender Angstsymptome kann auf die Studie von Freeman et al. (2000) zurückgegriffen werden, bei der eine Prävalenzrate von 18% von Angststörungen bei Tourette-Patienten mitgeteilt wird. Dabei bezieht sich diese Prävalenzzahl auf die gesamte untersuchte Stichprobe, die sowohl aus Erwachsenen als auch aus Kindern bestand. Carter et al. (2000) berichten von einer höheren (24%) Prävelanzrate von Angststörungen in einer Stichprobe 8 – 14jähriger Tourette-Patienten. Die in der vorliegenden Untersuchung gefundene Prävalenzrate von 30% scheint somit am ehesten durch den großen Anteil jüngerer Patienten begründet zu sein.

Symptome einer Depressivität finden sich laut Freeman et al. (2000) bei 20% der dort untersuchten Tourette-Patienten. Eine geringer Prävalenzrate von 12% findet sich bei Carter et al. (2000) für Kinder mit Tourette-Syndrom. Damit dürfte die vorliegende Prävalenzrate von 19% die Altersmischung der Stichprobe durchaus reflektieren.

Zusammenfassend läßt sich festhalten, daß alle berichteten Prävalenzraten der vorliegenden Arbeit auf Eltern- beziehungsweise eigenen Aussagen der Patienten beruhen und sich auf einen nicht eingegrenzten Zeitraum beziehen (“jemals”), so daß alle in dieser Studie gefundenen Prävalenzzahlen nur eingeschränkt interpretiert werden sollten. Dennoch fand sich auch in den hier analysierten Berichten häufig ein gleichzeitiges Bestehen von ADHS, Zwängen sowie depressiver Symptome.

Ein Vergleich hinsichtlich Tic-spezifischer Merkmale wurde zwischen der Gruppe der Patienten mit isoliertem Tourette-Syndrom und derjenigen mit mindestens einer berichteten komorbiden Symptomatik vorgenommen. Patienten mit komorbider Symptomatik waren dabei etwas älter, zeigten mehr vokale und motorische Tics, einen höheren Grad sozialer Beeinträchtigung und hatten bisher mehr nicht-medikamentöse Therapien durchgeführt. Diese Befunde reflektieren aber nur eine summarische Darstellung und könnten bei Betrachtung der einzelnen begleitenden Störungsbereiche differenziert ausfallen. So ist allgemein anerkannt, daß die ADHS-Symptomatik dem Beginn einer Tourette-Störung vorausgeht (Spencer et al. 2001), eine Zwangssymptomatik sich dagegen erst im Lauf einer Tourette-Störung entwickelt (King et al. 1999). Bei einer (hier wegen der geringen Stichprobenumfänge nicht durchführbaren) Unterteilung in Untergruppen mit speziellen komorbiden Symptomatiken wäre somit zu erwarten, daß sich, insbesondere bei ADHS und Zwangssymptomen je nach Art der Begleitstörung differentielle Zusammenhänge zum aktuellen Alter und zur bestehenden Erkrankungsdauer nachweisen ließen. Die hier aufgeführten summarischen Effekte weisen darauf hin, daß begleitende Störungen wahrscheinlich werden, wenn man als Tourette-Patient älter wird, viele Tics aufweist, soziale Probleme hat und (vielleicht nicht sehr erfolgreich) eine Anzahl nicht-medikamentöser Therapien bereits ausprobiert hat. Dieser Befund stützt die Vermutung von Dykens et al. (1999), daß nicht die Tics alleine die sozialen Probleme von Tourette-Patienten bestimmen, sondern vielmehr das Vorkommen einer oder mehrerer komorbider Problematiken oft einen größeren Einfluß auf die soziale Beeinträchtigung ausüben.

Die Tatsache, daß Tourette-Patienten mit komorbiden Störungen häufiger Medikamente zur Behandlung der Tics verabreicht bekamen als Patienten mit einem isolierten Tourette-Syndrom stützt die Befunde von Freeman et al. (2000), die für Kinder und Jugendliche mit komorbiden Störungen eine häufigere medikamentöse Behandlung ermittelten als für solche ohne eine begleitende Symptomatik.

 

Therapeutisches Vorgehen und subjektiv wahrgenommene Effekte

Etwa 75% der Patienten gaben an, irgendwann im Verlauf der Erkrankung mindestens ein Medikament zur Behandlung der Tic-Symptomatik erhalten zu haben. Besonders häufig wurde Tiaprid verschrieben (56%). Clonidin, welches vorrangig in Nordamerika eingesetzt wird, spielte hier keine Rolle. Dies liegt mit daran, daß Tiaprid in diesen Ländern nicht als lizensiertes Medikament erhältlich ist. Für die gute Wirksamkeit und Verträglichkeit des Medikaments spricht auch, daß 23% der Patienten, die dieses Medikament eingenommen hatten, keine Nebenwirkungen berichteten und nur 20% wegen auftretender Nebenwirkungen das Medikament abgesetzt hatten. Die anderen Medikamente (Pimozide und Haloperidol), welche als Medikamente zweiter Wahl gelten, wurden deutlich weniger häufig eingesetzt, waren weniger gut verträglich und zeigen an, daß die fachlich empfohlene Rangfolge der Medikation zur Linderung von Tic-Störungen von den Ärzten weitgehend umgesetzt wird. Das Medikament Risperidon, für welches mittlerweile positive Studien im Hinblick auf die Linderung der Tics vorliegen (Brüggemann et al. 2001), wird in letzter Zeit vermehrt neben Tiaprid eingesetzt.

Immer wieder stellt sich die Frage, ob bei gleichzeitigem Vorliegen von Tics und ADHS auch Methylphenidat (Ritalin-R oder Medikinet-R) eingesetzt werden kann. Diese sogenannte zweizügelige Behandlung ist unter gewissen Voraussetzungen durchaus akzeptabel (siehe Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie), auch wenn man daran denken muß, daß unter der Gabe von Methylphenidat sich bei einigen Kindern die Tic-Symptomatik verstärken kann (z.B. Towbin et al. 1988). Eine solche Tendenz fand sich auch in den vorliegenden Berichten von 39 Patienten wieder, bei denen Ritalin-R zum Einsatz kam. In der Altersgruppe bis 20 Jahre wurden 16% der Patienten mit Ritalin behandelt. Dies bedeutet, daß nur 28% derjenigen eine Ritalin-Medikation erhielten, die gleichzeitig das Merkmale “Motorische Unruhe/ADHS” aufwiesen, so daß man von einer eher vorsichtigen Herangehensweise bezüglich der Methylphenidatgabe bei Tic-Störungen sprechen darf. Allerdings berichteten auch 6% der Patienten, daß sie Ritalin erhalten hätten, ohne das diese Begleitstörung “Motorische Unruhe/ADHS” vorgelegen habe. Letzteres gilt als Mahnung dafür, gerade die Diagnostik dieses Störungsbereiches sehr sorgfältig zu betreiben, um eine fachgerechte Diagnostik zu sichern und damit eine zielgerichtete Indikation einer eventuellen Methylphenidatgabe durchzuführen.

Bei den nicht-medikamentösen Therapien ergab sich, daß derartige Therapieformen in der Behandlung der Tic-Symptomatik ähnlich häufig zur Anwendung kamen wie die medikamentöse Behandlung. Etwa 78% aller Patienten gaben an, insgesamt bereits mindestens eine nicht-medikamentöse Therapie durchgeführt zu haben. Am häufigsten wurde die Gesprächstherapie genannt. Dieser Befund scheint ungewöhnlich im Hinblick darauf, daß derartige Therapieformen bei der Behandlung der motorischen Kernsymptomatik nicht erwähnt und geprüft sind. Man darf am ehesten vermuten, daß die Behandlungsform “Gesprächstherapie” nicht eindeutig dem entspricht, was in Fachkreisen darunter verstanden wird und daß “Gespräche” nicht stets aufgrund der Tic-Symptomatik oder alleine wegen der Tic-Symptomatik durchgeführt wurden. Gesprächstherapien und andere psychotherapeutische Vorgehensweisen werden eher zur Behandlung begleitender emotionaler Probleme empfohlen und zur Verbesserung der Krankheitsbewältigung (Banaschewski und Rothenberger 1998).

Auffällig ist, daß die Verhaltenstherapie nur von 15% derjenigen in Anspruch genommen wurde, die von mindestens einer nicht-medikamentösen Therapieform berichteten. Diese geringe Anzahl von verhaltenstherapeutisch behandelten Patienten ist umso verwunderlicher, als einzelne verhaltenstherapeutische Verfahren (z. B. das sogenannte Habit Reversal mit den motorischen Gegenantworten) effektive Methoden zur psychotherapeutischen Behandlung von Tic-Störungen darstellen (Piacentini und Chang 2001). Möglicherweise ist die entsprechende Kenntnis sowie das erforderliche Versorgungsangebot noch nicht genügend verbreitet.

Den oft im Rahmen multimodaler Therapie zum Einsatz kommenden, aber auch isoliert eingesetzten, Entspannungsverfahren und dem getrennt erfragten autogenen Training (Banaschewski und Rothenberger 1998) kam eine größere Rolle bei der nicht-medikamentösen Behandlung des Tourette-Syndroms zu, 25% bzw. 33% der Patienten nannten diese therapeutischen Verfahren zur Behandlung ihrer Tic-Symptomatik, womit allerdings nur recht kurz dauernde (Minuten bis Stunden) Linderungen der Tics erreicht werden können.

Was die subjektiv wahrgenommene Wirkung auf die Tics betrifft, wurde diese getrennt für vor und nach der Diagnosestellung erfragt. Vor der TS-Diagnose wird der stationären Therapie die mit Abstand beste Wirkung auf die Tic-Symptomatik zugesprochen und hier eine leichte Besserung gesehen. Zu beachten ist in diesem Zusammenhang, daß die stationäre Therapie des Tourette-Syndroms meist eine Kombinationsbehandlung aus medikamentöser und psychotherapeutischer Behandlung repräsentiert, die im Idealfall individuell auf den Patienten zugeschnitten ist und somit die beste Vorgehensweise, wie auch bei anderen psychiatrischen Störungen, darstellt (Robertson 2000). Des Weiteren muß beachtet werden, daß hier wiederum die Anzahl der Patienten, von denen eine Bewertung der einzelnen therapeutischen Verfahren vorlag, unterschiedlich groß ist und sich somit die Bewertungen auf verschieden große Stichproben stützen, bei denen zudem Alter, Schweregrad der Symptomatik, begleitende Probleme usw. nicht gleich gehalten werden konnten. So ist eine stationäre Therapie besonders bei stark belastender Tic-Symptomatik vermehrt begleitenden Störungen oder zur Findung und Einstellung des besten Behandlungsprogrammes angeraten.

Betrachtet man den Zeitpunkt nach der Diagnosestellung eines Tourette-Syndroms, werden besonders den Entspannungsverfahren und dem autogenen Training eine positive Wirkung auf die Tic-Symptomatik zugeschrieben. Bezüglich dieses Ergebnisses soll noch einmal darauf verwiesen werden, daß Patienten meist aufgrund bestimmter Merkmale einzelnen Therapieformen zugeführt werden. Weiterhin beruhen die Angaben zu wahrgenommenen Effekten verschiedener nicht-medikamentöser Therapieformen nach der Diagnosestellung auf sehr kleinen Stichproben. Dennoch kann man die positivere Bewertung von Entspannungsverfahren und autogenem Training eventuell darauf zurückführen, daß bei der Diagnosestellung eine Aufklärung der Betroffenen und Angehörigen über die Gründe für das bizarre Verhalten und über den Verlauf der Symptomatik erfolgte, was eine gezieltere Nutzung dieser Methoden ermöglichte. Zusätzlich könnte durch den Abbau unrealistischer Erfolgserwartungen eine realistischere Bewertung hinsichtlich des Erfolges dieser Verfahren erreicht worden sein. Manche Patienten könnten auch eine Verminderung ihrer Streßbelastung und damit eine Verringerung ihrer Tics in schwierigen Situationen erreicht haben.

 

 Fazit 

Es bleibt festzuhalten, daß der TGD-Fragebogen durchaus ein geeignetes Instrument zur Erfassung der störungsspezifischen Vorgeschichte beim Tourette-Syndrom darstellt und auch eine umfassende Beschreibung der Aspekte der Erkrankung leistet. Hinsichtlich der in der Literatur diskutierten Befunde trägt der TGD-Fragebogen zu einer Untermauerung bestehender Ergebnisse bei. Die hier erhobenen Daten liefern erstmalig eine grobe epidemiologische Information über die Situation bei Patienten mit Tourette-Syndrom in Deutschland.

Dennoch finden sich bei den Fragen- und Antwortvorgaben des TGD-Fragebogens verschiedene Unschärfen und verbesserungswürdige Formulierungen. Deswegen wurde, auf dem Hintergrund der vorliegenden Studie, eine Verbesserung des Fragebogens erarbeitet (Goskowski und Woerner, Kinder- und Jugendpsychiatrie Göttingen, 2001), die nunmehr als aktuelle Version vorliegt und und bereits regelmäßig in der Spezialambulanz sowie im stationären Bereich der Abteilung eingesetzt wird.

Mit der revidierten Version des TGD-Fragebogens könnte geprüft werden, ob eine Beziehung zwischen der Anzahl der verschiedenen motorischen und vokalen Tics und der wahrgenommenen Belastung durch die Tic-Symptomatik besteht. Es wäre auch interessant zu untersuchen, ob das Vorkommen bestimmter vokaler oder motorischer Tics häufiger mit einem erhöhten subjektiv beschriebenen Schweregrad der Symptomatik einhergeht. Ferner könnte geprüft werden, ob das gleichzeitige Vorliegen einer komorbiden Symptomatik oder aber der subjektiv empfundene Schweregrad des Tourette-Syndroms enger mit der wahrgenommenen sozialen Beeinträchtigung zusammenhängt. Dies wäre insbesondere im Hinblick auf die Behandlungsplanung eine wichtige Information. Um den Schweregrad der Tic-Symptomatik dabei besser kontrollieren zu können, wurde eine entsprechende Skala aufgenommen. Man könnte auch untersuchen, ob Kinder, deren Angehörige ebenfalls an einer Tic-Störung leiden, sich von Kindern unterscheiden, die nicht familiär vorbelastet sind, so daß auch der Frage näher getreten werden könnte, ob bei familiär vorbelasteten Personen Begleitstörungen früher oder häufiger auftreten. Mit der nunmehr vorliegenden Form des TGD-Fragebogens lassen sich diese und andere Fragen leichter, gezielter angehen und einfacher einer biostatistischen Auswertung zuführen, denn auch diesbezüglich wurde die Form des TGD-Fragebogens erheblich verbessert. Zur Information ist der neue TGD-Fragebogen dem Bericht beigelegt.

 



Zusammenfassung

In dem vorliegenden Bericht wurden zum ersten Mal anonymisierte Daten, die mithilfe des Fragebogens zum Tourette-Syndrom an 408 Betroffenen mit Tourette-Syndrom erhoben wurden, systematisch ausgewertet und analysiert. Ziel der vorliegenden Untersuchung war es, Informationen über den Krankheitsverlauf und den aktuellen Krankheitsstatus von Tourette-Patienten in Deutschland zu gewinnen. Die erhaltenen Ergebnisse sollten auch dazu führen, den bisherigen TGD-Fragebogen zu verbessern und eine revidierte Version zu erstellen.

Insgesamt müssen begrenzende Faktoren bei der Betrachtung der vorliegenden Daten im Blick gehalten werden. So ist die epidemiologische Repräsentativität der Stichprobe nicht gesichert, der TGD-Fragebogen trägt in sich als Erhebungsinstrument einige Unsicherheiten und die von den Betroffenen gegebenen Informationen konnten nur begrenzt fachlich gegengeprüft werden. Dennoch dürften die Ergebnisse eine gute Orientierung zur Situation von Patienten mit Tourette-Syndrom in Deutschland widerspiegeln.

Es wurde ein gutes durchschnittliches Ausbildungsniveau der Betroffenen gefunden. Männliche Patienten waren dreimal häufiger als weibliche zu finden. Die Dauer der Erkrankung lag im Mittelwert bei 11 Jahren, bis zur Diagnosestellung dauerte es drei bis fünf Jahre, wobei der Erkrankungsbeginn im Altersbereich von etwa vier bis sieben Jahren lag. In einem ersten Schritt wurden vorrangig Kinderärzte und Hausärzte aufgesucht, ehe fachärztliche Kompetenz (insbesondere Kinder- und Jugendpsychiater) in Anspruch genommen wurde. Im Hinblick auf verschiedene Merkmale motorischer und vokaler Tics, dem Vorgefühl vor einem Tic, der Unterdrückbarkeit und der Situationsabhängigkeit von Tics wurden aus anderen Untersuchungen bekannte Tatsachen wiedergefunden und darüber hinaus klar gezeigt, daß Vorgefühl und Unterdrückbarkeit der Tics nach dem 10. Lebensjahr deutlich häufiger festzustellen sind. Die begleitenden psychischen Auffälligkeiten mit Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung, Zwangsmerkmalen, emotionalen Schwierigkeiten und Lernproblemen kamen deutlich zum Vorschein.

Die therapeutische Situation und die subjektiv wahrgenommenen Effekte konnten erstmals ausführlich dargestellt werden und weisen darauf hin, daß sowohl medikamentöse als auch nicht-medikamentöse Behandlungen in Anspruch genommen werden, wobei die medikamentöse Vorgehensweise offenbar den größeren Erfolg verspricht. Allerdings können viele Patienten auf die Länge ohne medikamentöse Hilfe auskommen. Dies gilt auch für Betroffene, die sowohl eine Tic-Störung als auch eine Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktiviätsstörung aufweisen. Denn nur bei 28% dieser Patientengruppe wurde eine Methylphenidatgabe eingesetzt.

Insgesamt erwies sich der TGD-Fragebogen als ein gut geeignetes Instrument zur Erfassung krankheitsspezifischer Aspekte bei Betroffenen mit einem Tourette-Syndrom. Dennoch ergaben sich bei der systematischen wissenschaftlichen Arbeit mit dem TGD-Fragebogen einige Probleme und Unschärfen, die dazu geführt haben, daß eine verbesserte Version erarbeitet wurde, die bereits im klinischen Alltag eingesetzt wird. Damit haben die Fachleute eine Möglichkeit an der Hand, weitere interessierende Fragen leichter und gezielter angehen sowie einfacher einer biostatistischen Auswertung zuführen zu können.


 

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Leckman et al. 1999?? Welchen Artikel meinen Sie (siehe Gorskowski)

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