Tourette-Syndrom: Klinische Charakteristika bei 360 PatientenAktuelle Neurologie 2003 – Thema Basalganglienerkrankungen III, P 305 Müller-Vahl K, Makowski L, Emrich H, Kolbe H Hannover, D Das Tourette-Syndrom (TS) ist auch heute noch eine Erkrankung, deren Häufigkeit unterschätzt und deren diagnostische Einordnung oft Probleme bereitet. Bei der Diagnosestellung sowie in der Therapie ist es von großer Bedeutung, das gesamte Symptomspektrum zu berücksichtigen. In den Jahren 1995–2002 wurden in der Tourette-Ambulanz der Medizinischen Hochschule Hannover 360 Tourette-Patienten (nach DSM III-R) prospektiv hinsichtlich der Schwere des TS (mittels der Shapiro Tourette Severity Scale, STSS) und zahlreicher Verhaltenssymptome (mittels eines standardisierten Fragebogens) beurteilt. Alle Patienten wurden von einer der Autoren (KR MV) untersucht. 80,8% der Patienten waren männlich, 19,2% weiblich. Das mittlere Alter betrug 22,2 Jahre (3–72). Das mittlere Alter bei Beginn der motorischen Tics lag bei 7,6 Jahren (+ 3,6), das der vokalen Tics bei 10,1 Jahren (+ 5,7). Im Mittel wurde das TS erst 12,9 Jahre nach Erkrankungsbeginn diagnostiziert. Entsprechend der STSS waren 66,4% als sehr leicht – mittel, 33,6% als deutlich – sehr schwer einzustufen. Einfache motorische und vokale Tics fanden sich bei 99,7 bzw. 98,3% der Patienten, komplexe Tics in folgender Häufigkeit: Koprolalie 28,3%, Kopropraxie 19,7%, Palilalie 48,9%, Echolalie 32,8%, Echopraxie 27,8%. Koprolalie und Kopropraxie traten signifikant häufiger bei Männern auf. Als häufigste begleitend bestehende Verhaltensauffälligkeit fanden sich Zwangssymptome (82,2%), jedoch nur bei 9,7% in der Schwere einer Zwangserkrankung (nach DSM-III-R). Am häufigsten traten folgende Zwänge auf: "Just-Right-Feeling" 63,1%, zwanghaftes Berühren von Objekten 44,4%, Kontrollieren 43,6%, "Touching" 42%, Zwangsgedanken 42%, Ordnen 40,3%. Autoaggressive Symptome fanden sich bei 47,8% der Patienten, davon bei 8,2% in deutlichem Ausmaß. Hyperaktivität (34,2%), Störung von Aufmerksamkeit (45,8%) und Impulskontrolle (63,1%), Angst (42,5%), Depression (28,9%) und Sucht (11,3%) stellten weitere relevante Verhaltensauffälligkeiten dar. Nur bei 11,1% der Patienten bestanden Tics ohne Verhaltensauffälligkeiten. Anhand dieser bisher größten in Deutschland
systematisch untersuchten TS-Gruppe zeigt sich, dass selbst in einer
Spezialambulanz bei 2/3 der Patienten die Ausprägung der Tics gering bis
mittelgradig ist. Somit ist insgesamt von einer vergleichsweise benigne
verlaufenden Erkrankung auszugehen. Wichtig ist, die zahlreichen möglichen
Verhaltenssymptome zu erkennen und ggf. entsprechend zu behandeln. © Georg Thieme Verlag KG Stuttgart ∙ New
York Quelle: Zeitschrift "Aktuelle Neurologie" Organ der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, Internetpräsenz: www.thieme.de/aktneu Georg Thieme Verlag KG Veröffentlichung mit freundlicher Zustimmung des Georg Thieme Verlag
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