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Unter
Kontrolle
Manchesters
neuer Torwart leidet am Tourette-Syndrom – bei vielen Menschen führt es
zu unberechenbaren Ausbrüchen
von Mathias Klappenbach
Diesen Gag können sich die englischen Boulevard-Zeitungen nicht
verkneifen. Alex Ferguson, der Manager von Manchester United, müsse bei
seinen gefürchteten Wutausbrüchen in der Kabine von nun an mit einem
gewaltigen Echo rechnen. Der Amerikaner Tim Howard, neuer Torwart des
Englischen Meisters, könnte zurückbrüllen, ohne eine Strafe befürchten
zu müssen.
Howard leidet am Tourette-Syndrom. Die bislang nicht heilbare Krankheit äußert
sich in so genannten "Tics", die meist motorisch, häufig auch in
verbaler Form auftreten. Die Betroffenen können nicht verhindern, das sie
plötzlich grunzen, schmatzen oder in schlimmeren Fällen ständig den
gleichen Satz in anderer Stimmlage sprechen und anstößige Hasswörter
von sich geben.
Die neuropsychiatrische Erkrankung ist für die meisten Betroffenen ein
Martyrium, weil sie unkontrolliert zucken, die Zunge herausstrecken oder
anzügliche Beschimpfungen ausstoßen und deshalb meist auf soziale
Ablehnung stoßen. "Einen Tic muss man sich wie einen Schluckauf oder
Niesreiz vorstellen", sagt Experte Aribert Rothenberger von der
Universität Göttingen. "Häufig spüren Patienten den nächsten Tic
schon kommen, für eine gewisse Zeit lässt er sich unterdrücken." Das
kann auch Tim Howard. "Manchmal taucht es im Spiel auf, wenn ich nervös
bin. Aber ich lasse den Ball nicht fallen", sagt der 24-jährige
Schlussmann, der einen Vierjahresvertrag in Manchester erhält und 3,5
Millionen Euro Ablösesumme kostet.
Fast ein Jahr lang wurde Howard vom Englischen Meister beobachtet.
Entscheidend für seine Verpflichtung waren die konstant starken
Leistungen des Torwarts, der die ebenfalls in der englischen Premier
League aktiven Kasey Keller (Tottenham Hotspur) und Brad Friedel
(Blackburn Rovers) aus der amerikanischen Nationalmannschaft verdrängt
hat. Beim Konföderationen-Cup beeindruckte Howard auch auf
internationaler Bühne mit überragenden Leistungen.
Trotz der Krankheit, die diagnostiziert wurde, als er elf war, nahm
Howards Karriere einen geradlinigen Verlauf, seit 1998 spielte der
reaktionsschnelle Torwart bei den New York/New Jersey Metro Stars in der
amerikanischen Profiliga MLS. Howard nutzt seine Popularität, um das
Tourette-Syndrom bekannter zu machen und um Verständnis für Patienten zu
werben, bei denen die Krankheit stärker ausgeprägt ist als bei ihm.
"Ich betrachte mich als gutes Beispiel dafür, das Tourette nicht nur
ein Hindernis sein muss. Es sollte keinen davon abhalten, seine Träume zu
verwirklichen", sagt Howard, der später mal eine Stiftung gründen möchte.
Auf Abruf voll da
"Viele Betroffene sind in anspruchsvollen Berufen tätig", sagt
Tourette-Experte Rothenberger. Es gibt Chirurgen, die schwierige
Operationen durchführen und Konzertgeiger, die keinen Einsatz verpassen
und den Tic erst in den Pausen bekommen. Manche der Erkrankten können
sich sogar außergewöhnlich gut auf einzelne, wichtige Momente
konzentrieren. In den neunziger Jahren machte der Basketballspieler
Mahmoud Abdul-Rauf in der amerikanischen Profiliga NBA Furore. Abdul-Rauf
verwandelte in seinen knapp 600 Spielen mehr als 90 Prozent seiner Freiwürfe,
eine sensationelle Quote. Er führt die ewige Bestenliste der NBA in
dieser Kategorie nur deshalb nicht an, weil für die Aufnahme mehr
Versuche nötig sind. Selbst Abdul-Rauf, der wesentlich stärker als
Howard unter seinen Zwangshandlungen litt, bekam seine Tics erst, wenn der
Ball im Aus war.
Alex Ferguson wird nicht zurückschreien müssen, auch die Schiedsrichter
und Gegenspieler können beruhigt sein. Tim Howard hat seine Krankheit
unter Kontrolle, er hat noch nie ein Spiel abbrechen müssen. Für die
Manchester-Fans ist die Krankheit kein Problem, sie haben Howard zum
wichtigsten Neuzugang gewählt, noch vor dem kamerunischen Nationalspieler
Eric Djemba Djemba. 62 Prozent der Anhänger sind dafür, dass er den
ungeliebten französischen Weltmeister Fabien Barthez sofort als Nummer
eins im Tor ablöst.
Quelle:
Der Tagesspiegel, Berlin
Verfasser:
Mathias Klappenbach
Erscheinungstag:
19.07.03
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