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F r e d d y T o u r e t t i
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D
… dann ist ES wieder da, unkontrollierbar, unberechenbar, unbezwingbar
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Freddy nennt sich selbst Freddy Touretti.
Immerzu muss er sich schütteln, zucken, Geräusche machen. Schuld ist
seine Krankheit, das Tourette-Syndrom. Plötzlich war es da und mit ihm
die Tics, gegen die der 16-jährige machtlos ist. |
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"Dieses Kind sollte man wegsperren." Deutlich erinnert sich Freddy an die elegant gekleidete Frau, an ihre wütende Stimme und die verächtlichen Blicke, unter denen er von seiner Mutter aus dem vorweihnachtlich überfüllten Geschäft gezogen wurde. Zum Glück war die Familie mit dem Auto in die Stadt gefahren, denn Busfahren war und ist bis heute für Freddy der Horror. Zumindest, wenn er alleine unterwegs ist. Dann fühlt er sich hilflos unter all den Leuten, die ihn anstarren, die hinter seinem Rücken kichern oder, wenn Freddy mit seinen Beinen immer wieder gegen den Sitz seines Vordermanns tritt, ihn lautstark beschimpfen: "Was bist du bloß für ein Arschloch?" Freddy ist kein Arschloch, kein Idiot. Aber er fällt auf, immer. Wegen seiner Krankheit, dem Tourette-Syndrom. Unheilbar ist das, und nur wenige haben schon mal davon gehört. Wenn der 16-jährige erzählt, wenn er fernsieht oder isst, beim Friseur sitzt oder in der Schule, dann tut er das nie, ohne immer wieder mit dem Kopf zu wackeln, mit den Schultern zu zucken, ein kehliges Räuspern von sich zu geben.
Was Freddy zu berichten hat, ist alles andere als lustig. Aber wenn er vom Tourette-Syndrom erzählt, macht das nicht nur betroffen. Denn Freddy sprudelt, witzelt, lacht. So viel gute Laune steckt einfach an. Und alle Fragen sind erlaubt, aber viele nicht zu beantworten. "Ich bekomme natürlich mit, wenn ich zucke oder mein Kopf macht, was er will. Aber ich kann nichts dagegen tun", versucht er seine Tics zu beschreiben. "Mit zwölf hatte ich auch noch einen vokalen Tic. Ich musste dauernd "Scheiße" und so was schreien. Einmal war ich mit meiner Mutter beim Einkaufen und brüllte sie an "Ey, bist du scheiße, Alte". Meine Mutter blieb völlig unbeeindruckt. Das hat eine ältere Dame ziemlich schockiert", sagt er grinsend. Der Schrei-Tic verschwand wieder, die anderen Zwänge blieben unberechenbar. Um das richtige Medikament zu finden, wurde Freddy untersucht, getestet und schließlich zur Krankheitsbeobachtung eingeliefert – in die Kinder- und Jugendpsychiatrie. "Das war die schrecklichste Zeit meines Lebens", schluckt Freddy. Sieben Wochen eingesperrt sein, die Eltern nur mittwochs und am Wochenende sehen. Raus in den Garten konnte man nur mit Betreuer. Vorsichtsmaßnahmen für die verhaltensauffälligen, oft aggressiven Mitpatienten. Der damals 13-jährige erlebte, wie Zimmergenossen ausrasteten, an Fixierbetten geschnallt wurden oder in der Gummizelle landeten. Alpträume garantiert. Endlich aus der "Hölle" entlassen, fanden die Eltern für Freddy eine Privatschule. "Am Anfang war’s auch dort hart, weil ich mich nicht getraut habe, die Mitschüler über meine Krankheit aufzuklären." Die Angst für verrückt gehalten zu werden war einfach zu groß. Nach ein paar Wochen stellte er sich dann aber doch vor die Klasse. "Seitdem läuft es richtig prima. Meine Lehrer und Mitschüler haben einfach super reagiert", freut sich Freddy. Mit dem Schulwechsel ging es für Freddy Touretti, wie er sich im Spaß selber nennt, bergauf: neue Freunde, gute Noten, keine Hänseleien mehr. Die Leute sehen, dass Freddy eben auch nur ein Junge ist, der gerne DVDs guckt, Computer spielt, Fantasy-Romane mag und Mädchen schon lange nicht mehr alle doof findet und eines sogar ganz besonders mag. "Klar kann ich heute mit meinen Tics cooler umgehen als am Anfang. Aber wenn ich unter fremden Menschen bin, ist die Panik vor blöden Sprüchen wieder da", gibt Freddy zu. Weil es gar nicht so einfach ist, das Tourette- Syndrom zu erklären, trägt er immer eine Visitenkarte mit sich herum, auf der eine Kurzbeschreibung der Krankheit steht. Aber viele beschimpfen, spotten, gaffen lieber statt zu fragen "Warum machst du das?" Beleidigt und gekränkt zu werden – daran gewöhnt man sich nie. Deshalb ist der Moment, wenn Freddy jemanden kennen lernt, seine Karte gezückt hat und auf die Reaktion wartet, immer unangenehm für ihn: "Wenn man da so steht, ist das irgendwie 'ne peinliche Situation. Viele lesen nicht richtig und stempeln mich als Verrückten ab." So wie neulich im Bus, wo eine Frau ihn ankeift: "Du bist doch nicht normal, lass’ das doch mal sein!" Normal ist Freddy schon, aber es sein lassen – das kann er nicht.
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