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Eine bittere Pille für den «Zappel-Philipp» von Hermann-Josef Delonge Aachen. Patrick (Name von der Redaktion geändert) ist so ein Fall: ein Junge, der seine Eltern immer wieder vor unlösbare Probleme gestellt hat. Schon als Kleinkind war er anders als die anderen: wilder, rastlos, nie bei der Sache, manchmal regelrecht aggressiv. Besuche bei Freunden? Unmöglich, denn man lief immer Gefahr, dass Patrick die Kinderzimmereinrichtung zerlegt. Einkaufen gehen? Ein einziger Stress, denn irgendetwas stellte er immer an. Mit viel Strenge hat Patricks Mutter versucht, ihrem Sohn Einhalt zu gebieten. Aber dann diese Schuldgefühle: All die schönen Dinge, die andere Kinder unternahmen, musste sie untersagen. Ihre Mutterliebe blieb, so schien es, unerwidert: einfach mal kuscheln, das war nicht drin. Ihr Sohn entzog sich. Es muss die Hölle gewesen sein. Patrick leidet an ADHS, der
Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Störung
(siehe unten). Sie wird ihn sein Leben lang begleiten. Er muss Strategien
lernen, damit umzugehen. Dabei hilft ihm ein Medikament, über das in den vergangenen Jahren extrem
kontrovers diskutiert worden ist - und immer noch wird: Ritalin. Eltern,
die ihr Kind mit diesem Mittel behandeln, wird vorgeworfen, sie wollten
ihr Kind «ruhig stellen», damit sie sich nicht ernsthaft mit ihnen beschäftigen
müssen. Von einem Psychopharmakon ist dann die Rede, das zunehmend als
Disziplinierungsmittel in der Kindererziehung akzeptiert werde. Tatsächlich
ist die Verschreibungsrate des Ritalin-Wirkstoffs Methylphenidat von 1993
bis 2001 auf das 20-fache gestiegen - und hat sich in den vergangenen
Jahren noch einmal verdoppelt. Ist ADHS also doch eine Modekrankheit, ein typisches Produkt unserer
hektischen Zeit? Verschreiben die Ärzte nicht doch viel zu schnell dieses
Medikament, um den gestressten Eltern zu helfen? Die Kinderärztin Dr. Reinhild Damen, die Psychologin Kathrin Hoberg und
die Sozialarbeiterin Andrea Fliescher schütteln angesichts dieser
Diskussion den Kopf. Sie arbeiten im Sozialpädiatrischen Zentrum (SPZ),
direkt gegenüber dem Aachener Klinikum. Hier erfahren sie täglich, was ADHS für eine Familie bedeutet - ein
Teufelskreis aus Überforderung, Vorwürfen und Selbstzweifel. Hier sehen
sie, wie die kranken Kinder leiden, weil sie ausgegrenzt werden, weil
niemand mit ihnen spielen will, weil sie schlechte Noten in der Schule
haben. Dagegen hilft nur eine früh greifende, verantwortungsvolle Therapie. Und
dazu gehört für das SPZ-Team im individuellen Fall auch die medikamentöse
Behandlung. Bis Patricks Eltern diesen Weg gegangen sind, hat es lange
gedauert. Sie kamen Ende 2000 zum ersten Mal ans SPZ; auf Anraten ihrer
Kinderärztin. Patrick war damals im Kindergarten; das SPZ-Team hatte schnell den
Verdacht, dass der Junge massiv an ADHS leidet. Bis die sehr aufwändige
Diagnose stand, vergingen Monate. Die Ärzte und Psychologen am SPZ stehen
dabei in engem Kontakt mit Kindergarten oder Schule, beobachten das Kind
dort, in der Familie und bei Tests in der Praxis; parallel dazu gibt es
viele Gespräche mit den Eltern. Als der Befund stand, setzten Patricks Eltern alle Hebel in Bewegung:
Selbsthilfegruppe, die einschlägige Literatur, unendlich viele Gespräche.
Doch Ritalin wollten sie ihrem Sohn nicht geben - ein Medikament, das
unter das Betäubungsmittelgesetz fällt! Sie versuchten es mit
Bioresonanz-Therapie und Homöopathie; sie strichen Süßigkeiten von der
Speisekarte und versuchten viele andere alternative Methoden. Doch
nichts schlug richtig an.
Große Widerstände Quelle: Aachener Zeitung, Aachen
Verfasser: Hermann-Josef Delonge
Erscheinungstag: 13.02.2004
wichtige Adresse:
Bundesverband Arbeitskreis Überaktives
Kind e.V.,
Postfach 410724, 12117 Berlin
Telefon: 030 - 85 60 59 02
Internetpräsenz: www.auek.de
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