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Schluckauf
im Gehirn Wie reagieren Sie, wenn neben Ihnen plötzlich jemand in unkontrollierte Bewegungen ausbricht oder mit Kraftausdrücken um sich wirft? Was nach "schlechter Kinderstube" aussieht, hat in Wahrheit oft neurologische Ursachen: das Tourette-Syndrom. von Rossella Castelnuovo
Wenn einst am Fürstenhof zu Salzburg die endlosen Flure von Schreien widerhallten, dann gab sich womöglich der große Wolfgang Amadeus Mozart die Ehre. Der Musiker war dafür bekannt, dass er den hohen Herrschaften immer wieder Unflätigkeiten an den Kopf warf, dabei Grimassen schnitt oder in schrilles Gekicher verfiel. Die Zeitgenossen schrieben dieses sonderbare Verhalten seinem Genie zu und nahmen es hin: als Preis für herrlichste Kompositionen. Doch bei Mozarts Marotten dürfte es sich um mehr gehandelt haben als um eine Nebenwirkung übersprudelnder Kreativität. Die anscheinend unkontrollierbaren Zuckungen und verbalen Ausbrüche waren vermutlich die Symptome einer neuropsychiatrischen Erkrankung: des Tourette-Syndroms, häufig auch "Tic-Störung" genannt. Weder Mozart noch seine Zeitgenossen ahnten jedoch etwas davon, denn die Störung wurde erstmals 1885 von Gilles de la Tourette als medizinisches Problem beschrieben – lange nach dem Tod des großen Komponisten. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts waren eine Reihe psychiatrischer Krankheiten ins Blickfeld der Mediziner gerückt. Zu den damals führenden Schulen zählte auch die von Jean Martin Charcot in Paris. Seinem Schüler Gilles zu Ehren soll Charcot den Namen "Tourette-Syndrom" geprägt haben. Es zählt bis heute zu den am häufigsten verkannten Krankheitsbildern, denn seine Entstehung gibt nach wie vor Rätsel auf. Fest steht, dass ein erhöhtes Erkrankungsrisiko vererbbar ist – auch wenn das verantwortliche Gen noch nicht identifiziert werden konnte. Die ersten auffälligen Symptome setzen bei über neunzig Prozent der Betroffenen schon vor dem zehnten Lebensjahr ein: Die Kinder sind ruhelos, blinzeln auffällig häufig oder wiederholen gehörte Sätze. Andere rümpfen ständig die Nase oder stoßen Schimpfwörter oder unartikulierte Laute aus, ohne dies unterdrücken zu können. Das Syndrom trifft viermal öfter Jungen als Mädchen. Zu Hause und in der Schule gelten sie zunächst meist als ungezogene Störenfriede, doch das Tourette-Syndrom ist keine Frage der Erziehung – weder gutes Zureden noch Bestrafung schaffen Abhilfe. Im Gegenteil: Der psychische Stress, der daraus resultiert, verstärkt die Tics oft noch. Zu Beginn der Erkrankung lassen sich Tourette-Kinder häufig nur schwer von hyperaktiven oder trotzigen Altersgenossen unterscheiden. Schätzungen zufolge zeigt fast jeder fünfte Grundschüler irgendeine Art von Tic, wobei nur ein Prozent von ihnen die Störung bis ins Erwachsenenalter behält. Anders als Mozart, dem man alles durchgehen ließ, stoßen weniger begnadete Tourette-Kinder meist gegen eine Mauer aus Unverständnis und Sanktionen. Lehrer reagieren schnell ungehalten, wenn ein Schüler permanent den Unterricht stört – und Hänseleien von Schulkameraden machen Tourette-Kindern zusätzlich das Leben schwer. Müssen sie auch noch eine psychologische "Behandlung" über sich ergehen lassen, sind Scham und Unsicherheit vorprogrammiert. Zu Hause laufen die Dinge meist nicht viel besser. Die Eltern machen ihrem Kind Vorhaltungen oder suchen ärztlichen Rat – nur leider oft an der falschen Adresse. So landet mancher Knirps mit notorischem Hüsteln beim Hals-Nasen-Ohrenarzt, ein anderer wegen Liderzucken beim Augenarzt.
Die Wurzel des Übels Die Tourette-Gesellschaft Deutschland gibt die Zahl der hier zu Lande Betroffenen mit rund 40 000 an. Der Verein fordert seit langem eine bessere Aufklärung der Öffentlichkeit über das Syndrom. Zwar ist auch der Forschungsbedarf nach wie vor hoch, doch mit Hilfe bildgebender Verfahren wie der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT) stießen Forscher nun möglicherweise auf die Ursache des Übels.
So entdeckte ein Team von Hirnforschern
um Jay Giedd vom National Institute of Mental Health im US-amerikanischen
Bethesda (USA), dass Kinder mit Tourette-Syndrom im Vergleich zu gesunden
deutlich vergrößerte Basalganglien aufweisen. Dabei handelt es sich um
eine Gruppe tief im Großhirn liegender Zentren. Ihre Hauptaufgabe besteht
darin, die komplexen motorischen Programme abzustimmen, ohne die wir nicht
einmal mit dem Kopf nicken könnten, geschweige denn gehen oder einen Satz
artikulieren. Zu diesem Zweck sind die Basalganglien vielfältig mit höheren
motorischen Cortex-Arealen verschaltet. Weil diese Verknüpfungen erst im
Laufe der Kindheit entstehen, fällt es in diesem Alter noch leicht, neue
Bewegungsabläufe wie Skilaufen oder Tennisspielen zu erlernen. Erwachsene
tun sich damit ungleich schwerer, weil sich bei ihnen bereits bestimmte
Strukturen verfestigt haben. Beruht die Tic-Störung also auf einer
Fehlfunktion eben dieser Basalganglien? Zu den Symptomen würde diese
Hypothese jedenfalls passen: Motorische Programme, die Gesunde
normalerweise willentlich auslösen, scheinen sich bei Tourette-Patienten
zu verselbständigen – so als würde permanent ein defekter Autopilot
anspringen. Einige Forscher vertreten neuerdings
die These, manche Formen des Tourette-Syndroms könnten die Folge einer
Infektion mit Streptokokken sein. Mit diesen an sich harmlosen Bakterien
kommen Kinder häufig in Kontakt, etwa wenn sie beim Spielen Gegenstände
in den Mund nehmen. Im Körper lösen die Erreger eine Immunreaktion aus;
dabei werden Antikörper gebildet, die auf noch ungeklärte Weise die
Arbeit der Basalganglien beeinträchtigen. Die Folge: motorische Störungen
wie beim Tourette-Syndrom. Neurologen tauften dieses Krankheitsmuster
PANDAS – die Abkürzung für "Pediatric Autoimmune Neuropsychiatric
Disorders associated with Streptococcal Infection". Wie genau die im
Blut mancher Tourette-Kinder gefundenen Streptokokken-Antikörper die Tics
verursachen, wird zurzeit untersucht. Bis heute gibt es keine maßgeschneiderte
Tourette-Therapie. Häufig greifen Ärzte auf Psychopharmaka zurück, die
eigentlich zur Behandlung anderer Krankheiten entwickelt wurden. So dämpfen
viele klassische Neuroleptika wie Pimozid, Tiaprid oder Haloperidol die
Tics bis zu einem gewissen Grad. Sie können jedoch auf lange Sicht
schwere Nebenwirkungen hervorrufen – etwa parkinsonähnliche Störungen
wie Zittern oder Bewegungsarmut. Heute bevorzugt man deshalb meist Präparate
der neuen Generation – zum Beispiel Clozapin, Risperidon oder Quetiapin
-, die im Allgemeinen besser verträglich sind. test Aber auch andere Mittel, die auf das
zentrale Nervensystem wirken, können Tourette-Betroffenen helfen: zum
Beispiel verschiedene Antidepressiva oder das zur Behandlung von
Hyperaktivität eingesetzte Ritalin. Wie gut sie anschlagen, kann sich von
Patient zu Patient allerdings stark unterscheiden. Meist gilt es schon aus sozialen Gründen,
Tourette-Symptome medikamentös zu lindern – wie im Fall der so
genannten Koprolalie, der zwanghaften Verwendung obszöner Ausdrücke.
Medizinisches Einschreiten ist außerdem angezeigt, wenn die Tics von
starker Hyperaktivität oder Krampfattacken begleitet werden, oder wenn
etwa die Halswirbel durch heftiges Kopfschütteln Schaden nehmen. Das
Mittel der Wahl hängt vom Einzelfall ab: Wie stark ist die Störung
ausgeprägt, wie sehr leidet der Betroffene darunter? Wie viel Rückhalt
bieten Familie und Freunde? Die beeinträchtigenden Symptome gehen
nicht selten auch mit besonderen Talenten einher. Psychologische Tests
zeigen, dass Tourette-Patienten häufig wahre Konzentrationskünstler
sind. Vermutlich hängt dies damit zusammen, dass viele von ihnen eine
sich anbahnende Attacke im Vorhinein spüren und versuchen, sie durch
innere Sammlung noch abzuwenden. Oft gelingt dies sogar – wenn auch
nicht auf Dauer. Dem Vermögen, sich von nichts und
niemandem ablenken zu lassen, verdankt auch Tim Howard seinen beruflichen
Erfolg. Der Torhüter des englischen Fußballklubs Manchester United
leidet im Alltag unter motorischen Tics – nur bei der Arbeit auf dem
Rasen ist er stets auf dem Posten. "Tourette muss kein Hindernis
sein", erklärt der Mann, der aus der Not eine Tugend gemacht hat,
und spricht damit seinen Leidensgenossen Mut zu. Angehörigen und Ärzten von
Tourette-Patienten kommt eine große Verantwortung zu. Selbst in schweren
Fällen, wenn Tics von Phobien oder Manien begleitet werden, können
Zuwendung und soziale Unterstützung viel bewirken. Die Chance auf vollständige
Heilung bleibt zwar gering; umso wichtiger scheint es, die Störung als
das zu begreifen, was sie ist: eine Fehlfunktion des Gehirns – kein böser
Wille.
Quelle:
Zeitschrift Gehirn & Geist
Spektrum der Wissenschaft Internetpräsenz: www.gehirn-und-geist.de
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