Zuckungen im Kopf    pdf

von Uwe Groenewold

Peinliche Zwangshandlungen machen das Leben schwer. 50 000 Menschen in Deutschland leiden am Tourette-Syndrom

Sie grunzen und quieken, schneiden Grimassen und schreien obszöne Worte: Wer einen Menschen mit Tourette-Syndrom erlebt, kann nur schwerlich glauben, daß die Zuckungen und Laute, sogenannte Tics, tatsächlich unwillkürlich sind. Doch wer von der neuropsychiatrischen Erkrankung betroffen ist, leidet schwer unter den nicht gesellschaftskonformen Symptomen.

Hermann Krämer war zwölf, als seine Augen anfingen zu blinzeln. Wenig später begann ein eigentümliches Kopfschütteln, dann setzten Muskelzuckungen ein. "Mit der Zeit kam noch eine ganze Reihe anderer Störungen dazu, die mein Leben nicht einfacher machten", erzählt der Industriekaufmann aus Speyer, inzwischen 48 Jahre alt. Seit einigen Jahren platzen statt der plötzlichen "Ja"-Rufe unflätige Ausdrücke aus ihm heraus, die den Kontakt zu unbekannten Menschen beinahe unmöglich machen: "Den Kontrollverlust über die eigene Sprache empfinde ich als Demütigung. Wie soll ich Mitmenschen klarmachen, daß zwanghaft ausgesprochene Fäkalausdrücke absolut nicht zu kontrollieren und auf eine Hirnstörung zurückzuführen sind?"

Krämer gehört zu den am schwersten beeinträchtigten Menschen mit einem Tourette-Syndrom (TS). Die Krankheit, deren Symptome erstmals 1885 von dem französischen Arzt Georges Gilles de la Tourette beschrieben wurden, beginnt meist zwischen dem 6. und 8. Lebensjahr. "Wie es zu den teils heftigen Ausbrüchen kommt, ist noch nicht geklärt, doch erhärten neuere Forschungen den Verdacht, daß Störungen in bestimmten Hirnzentren, den Basalganglien, vorliegen", erläutert Prof. Aribert Rothenberger von der Universitätsklinik Göttingen.

Dabei handelt es sich um tief im Großhirn liegende Ansammlungen von Nervenzellen, die Bewegungen kontrollieren und koordinieren und die mit weiteren Hirnarealen wie dem Frontalhirn und dem limbischen System verschaltet sind. "Nach derzeitigem Stand gehen wir von einer Fehlfunktion im Hirnstoffwechsel aus. Der Neurotransmitter Dopamin, der für die Informationsverarbeitung zwischen den Nervenzellen maßgeblich ist, ist bei Tourette-Patienten überaktiv. Wahrscheinlich sind auch weitere Botenstoffe wie das Serotonin beteiligt", erläutert Prof. Rothenberger. Erbliche Faktoren werden ebenfalls vermutet.

Vor allem in Streßsituationen kommt es zu den Tics. Die meisten TS-Patienten haben jedoch eine gewisse Kontrolle über ihre Symptome, können sie oft über Stunden unterdrücken. Sie führen ein beinahe normales Leben, wie etwa der Torwart von Manchester United, Tim Howard, Tourette-Patient von Kindesbeinen an, der Training und Spiele problemlos absolviert. Um die mangelnde Kontrolle in den Basalganglien auszugleichen, müssen willentlich andere Bereiche etwa im Frontalhirn aktiviert werden, wie derzeit in Göttingen laufende Untersuchungen mit funktioneller Kernspinresonanztomographie (fMRT) vermuten lassen. Prof. Rothenberger: "Das gelingt Kindern und Jugendlichen mit einem Tourette-Syndrom wesentlich besser als etwa hyperaktiven Kindern, die ihre Unruhe nicht zügeln können. Das Gehirn von TS-Patienten hat offensichtlich eine bessere Kompensationsfähigkeit." Doch gänzlich kontrollieren lassen sich die Tics genausowenig wie ein Niesreiz oder Schluckauf.

Bei schweren "Tourettern" treten oft auch Zwangssymptome auf. Sie kontrollieren immer wieder, ob der Herd ausgeschaltet, die Wohnungstür abgeschlossen ist. Dazu kommt bei vielen ein sogenanntes "Genau-richtig-Gefühl". Diesen Drang zum Perfektionismus machte sich in den 90er Jahren der amerikanische Basketballprofi Mahmoud Abdul-Rauf zunutze. Wenn die Mitspieler längst unter der Dusche standen, übte er immer wieder Freiwürfe. Mit Erfolg: In 600 Spielen verwandelte er mehr als 90 Prozent seiner Bälle.

Heilbar ist das Tourette-Syndrom bisher nicht, jedoch in den meisten Fällen mit einer Kombination aus Medikamenten und Verhaltenstherapien zu lindern. Noch im experimentellen Stadium ist die "Tiefenhirnstimulation", bei der Elektroden ins Gehirn gepflanzt werden, die die Überaktivität hemmen. "Die Tiefenhirnstimulation ist eine Außenseitermethode", schränkt Dr. Kirsten Müller-Vahl von der Medizinischen Hochschule Hannover ein. "In Deutschland wurden erst ein oder zwei Patienten derart operiert, weltweit mögen es zwischen zehn und 20 sein. Die Methode ist bisher höchstens für extrem schwere Fälle geeignet, denen anders überhaupt nicht zu helfen ist."

Müller-Vahl selbst hat in einer weltweit bislang einmaligen Studie Patienten mit Tetrahydrocannabinol (THC), einem Wirkstoff der Cannabispflanze, behandelt. In einer Studie konnte sie die subjektiv empfundenen Linderungen bei Hasch-Rauchern bestätigten: Die Teilnehmer aus der THC-Gruppe hatten weniger Tics als die Placebo-Gruppe.

Hermann Krämer hilft sich vor allem mit körperlicher Aktivität. Radfahren, Schwimmen, Wandern und Tanzen sorgen zumindest vorübergehend für Linderung seiner Beschwerden. "Außerdem", so Krämer, "habe ich mich im Laufe der Jahre an meine Tics gewöhnt und kann sie nun besser ertragen." Im Alter, so die Beobachtung von Ärzten, läßt das Tourette-Syndrom oft an Intensität nach. Bei manchen verschwindet es sogar vollständig. Ein Stück Hoffnung für Hermann Krämer.  

 

Quelle: Welt am Sonntag
Auflage: 404.073
Verfasser: Uwe Groenewold

Erscheinungstag: 01.05.2005
www.wams.de  

Anmerkung: der Verfasser dieses Artikels hat insgesamt recht gut recherchiert, der Titel beschreibt allerdings nicht die Symptomatik des Tourette-Syndroms, es gibt keine -> Zuckungen im Kopf !!

                                                 

                                                     
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