Es kann ein plötzlicher Ausruf sein, ein Achselzucken oder
ein Stampfen mit den Füssen. Wenn ein Kind am seltenen Tourette-Syndrom leidet,
fällt es auf und eckt an. Dabei zeigt ein Besuch bei Jan, Joël und Jennifer,
dass ein Tic auch eine Gabe sein kann.
Symptome des Tourette-Syndroms
Wann kommen sie? Warum kommen sie? Was könnte der Auslöser sein? Und vor
allem: Was kann sie stoppen? Es sind immer dieselben Fragen, die sich
Beatrice Diriwächter aus dem aargauischen Vordemwald stellt. Und noch
immer hat sie keine Antworten. Es gibt keine Erklärung für die Tics
ihres Sohnes Jan. Man kann nicht sagen, wenn er dies macht, kommen sie,
und wenn er das macht, kommen sie nicht. Die Tics sind unberechenbar. Jan
ist unberechenbar. Manchmal hat man den Eindruck, in ihm wirke jemand
anders. Seinem Mund entfährt nur ein «Huh». Dann zucken seine
Schultern.
Seit dem fünften Lebensjahr hat Jan motorische Tics. In diese Zeit fiel
auch die Scheidung seiner Eltern. Sechs Jahre später kam er nach einem
Umzug in eine neue Klasse und gab plötzlich unwillkürlich Laute von
sich. Die Mutter dachte erst, der Ortswechsel sei schuld, und machte sich
Vorwürfe: «Es hats zwar niemand gesagt, aber ich hatte das Gefühl, dass
alle denken, das arme Kind stehe unter Stress wegen seiner Mutter», sagt
Beatrice Diriwächter am jährlichen Picknick der Tourette-Gesellschaft
Schweiz (TGS), bei der sich Betroffene und Angehörige austauschen können.
Sie habe sich sehr hilflos gefühlt.
Eine klare Diagnose bekam Jan erst mit zwölf Jahren: Tourette. «Zum Glück
gibts das Internet», sagt der Lebenspartner von Beatrice Diriwächter. «Da
bekommt man Antworten.» Er war es, der auf die Spur der seltenen
Krankheit kam. «Heute fühle ich mich sicherer», so Beatrice Diriwächter.
Sie sei nicht gut beraten worden. Bei Jan hätte man viel früher Abklärungen
machen sollen, ist sie überzeugt.
Eine sehr schwierige Krankheit
Das Gilles-de-la-Tourette-Syndrom ist eine neuropsychiatrische Erkrankung,
die ein breites Spektrum unterschiedlicher Symptome zeigen kann. Als
einfache Tics gelten Blinzeln, Naserümpfen, Grimassenschneiden und das
Ausstossen von Lauten. Komplexe Tics umfassen das Imitieren anderer Leute,
das Wiederholen von Wörtern oder das Ausrufen obszöner Ausdrücke. Oft
tritt Tourette in Kombination mit dem Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom und
Zwangsneurosen auf. «Tourette ist eine sehr schwierige Krankheit», so
der Neurologe Manuel Meyer von der Hirslanden-Klinik.
«Viele Kinder haben Tics», sagt Hugo Kraft, TGS-Präsident und
Veranstalter des Picknicks beim Schützenhaus in Aarburg AG. Die meisten würden
«herauswachsen»; mit ein Grund, weshalb erst mit fünf, sechs Jahren
eine klare Diagnose gestellt werden kann. Doch genau das ist wichtig: «Je
früher Eltern wissen, was ihr Kind hat, desto einfacher werden sie es später
einmal haben», sagt Kraft, während er das Feuer schürt. Wenn man
benennen kann, warum ein Kind sich so benimmt, wird es weniger
ausgegrenzt. «Oft sind Eltern allein damit. Hausärzte wissen nicht viel
darüber», sagt Kraft, der das bei seinem Sohn erfahren musste. Anfang
der neunziger Jahre war das Internet noch nicht allgegenwärtig, und im
Lexikon stand zu «Tourette» nur wenig.
Am nächsten Tag: Jan trägt Baseballcap, Jeans und Kapuzenjacke und steht
auf dem Schulhof. Der 14-Jährige spricht klar, aber etwas hastig,
versucht, Tics zu verstecken. Immer wieder reisst er unwillkürlich den
Mund nach unten. Er sei nie gehänselt worden, gehe überall hin, sagt
Jan, der gerne Töffli fährt. Oft sei ihm gar nicht bewusst, dass er stören
könnte. «Ich schäme mich nicht.» In der Schule sitzt er ganz hinten,
in einigen Metern Distanz zu seinen Kameraden. Auch beim Diktat entfährt
ihm immer wieder ein «Huh». Erstaunlich, wie auffällig ein so leises,
aber ungewohntes Geräusch sein kann. In der Klasse reagiert niemand
darauf, auch Lehrer Rolf Sutter hat sich daran gewöhnt. Für ihn sei das
etwas ganz Neues gewesen, sagt er. Vom Tourette-Syndrom hatte er noch nie
gehört. Mit Jan zusammen hat er die Klasse darüber informiert. So dass
nun alle wissen, dass er kein Störenfried ist.
Uninteressant für Pharmakonzerne
Doch auch wer sich erklären kann, hat es nicht immer leicht. Noch ist nur
wenig bekannt über die unheilbare Krankheit. Drei Viertel der Betroffenen
sind Buben. Laut Schätzungen kommt auf 2000 Menschen ein Tourette-Fall.
In der Schweiz leben etwa 4000 Menschen mit Tourette - gemäss Hugo Kraft
zu wenig, um die Forschung in Gang zu bringen. An Universitäten würde
zwar nach Ursachen gesucht, aber für die Industrie sei Tourette
uninteressant. Im Mittelalter dienten noch Exorzismus und
Menschenverbrennungen zur «Heilung» von Tourette-Kranken. Erst mit den
Studien von Gilles de la Tourette 1885 setzte sich die Erkenntnis durch,
dass es sich dabei um eine neurologische Störung handelt - und nicht um
Besessenheit, wie im Mittelalter vermutet. Den Betroffenen hilft diese
Einsicht noch heute bisweilen wenig.
Zum Beispiel Joël Gerber aus Signau im Kanton Bern: Als er in die
Sekundarschule kam, häuften sich die Klagen, er störe mit Faxen den
Unterricht und würde den Notenschnitt der Klasse herunterziehen. Eltern
seiner Kameraden machten gegen ihn mobil - bis die Schulkommission mit der
Vormundschaftsbehörde drohte, falls die Gerbers der Versetzung in die
Kleinklasse nicht zustimmen würden. Bei Theres und Ernst Gerber sitzt der
Schock darüber noch immer tief. «Merkst du nicht, dass du störst?»,
habe die Schulleiterin Joël einmal gefragt, nachdem sie ihn aus der
Klasse zitiert hatte, erzählt Theres Gerber beim Zmittag und kann es noch
immer nicht fassen. Auch der Schulpsychologe habe nichts Besseres gewusst,
als ihn in eine psychiatrische Klinik stecken zu wollen. Er sei oft
weinend nach Hause gekommen. Joël sitzt schweigend neben seiner Mutter,
mag dazu nichts sagen.
Sein jetziger Lehrer Peter Stucki geht die Sache unverkrampft an. «Wir
haben ja alle so unsere Tics», meint er. Die Mitschüler hätten kaum
gemerkt, dass bei Joël etwas anders sei. «Anderswo wird er zum
Tourette-Fall gemacht. Bei uns ist er einfach ein Schüler», sagt Stucki
zwischen den Proben zur Jahresabschlussfeier und Turnunterricht. Was indes
Joëls Schulleistungen angeht, hat der Lehrer eine klare Meinung: «Joël
ist ehrgeizig, hat eine gute Arbeitshaltung und ist sehr sprachbegabt.
Eigentlich gehört er in eine Regelklasse.»
Er sei nun seit zwei Jahren in der Kleinklasse, sagt Joël, und wisse
nicht, ob er wieder würde wechseln wollen. Doch, eigentlich weiss er es:
«Ich würde gerne bleiben», sagt der 15-Jährige und schaut unvermittelt
auf. Es sei eine gäbige Klasse. Aber nun kommt die Zeit der Berufswahl,
und die bereitet den Gerbers Sorgen. «Man kann anfragen, wo man will: Die
verwerfen die Hände, wenn einer von der Kleinklasse kommt», sagt Joëls
Vater. Lehrer Stucki sei dafür bekannt gewesen, dass er für alle Schüler
eine Stelle gefunden habe. Doch das sei heute auch nicht mehr so einfach.
«Nun muss ja jeder einen Mordsabschluss machen. Aber ob das gute Arbeiter
gibt?», fragt der gelernte Landwirt.
Heute hat Jennifer die Symptome
weitgehend im Griff
Einen Ausweg aus dem Kreislauf gefunden hat die Familie Kaiser
aus Weinfelden TG. «Zuckmonster» habe man sie in der Schule genannt, erzählt
die 13-jährige Jennifer. Sie hatte plötzlich starke motorische und
verbale Tics und spastische Zuckungen. Sie konnte so stark auf den Boden
stampfen, dass sich ihre Eltern Sorgen um die Gelenke machten. Da könne
man nichts machen, hiess es bei der Untersuchung, ausser mit Medikamenten
die Symptome zu mildern. Psychopharmaka fürs Kind? Da wollte Gabriela
Kaiser wegen der Nebenwirkungen nicht mitmachen und suchte Alternativen.
Sie experimentierte mit Ernährung und Kinesiologie - mit verblüffendem
Erfolg, wie der Vater berichtet. Er sei, so Jens Kaiser, ein grosser
Skeptiker, aber Jennifers Symptome seien weitgehend verschwunden.
Betroffene sind oft vif und kreativ
«Ich habs im Griff», so Jennifer. Wenn sie aufgeregt sei, etwa vor einem
Vortrag in der Schule, frage sie sich selbst, was das solle, und könne so
die Spannung ablegen, erzählt sie in ihrem Zimmer. Sie holt die PC-Präsentation
eines Vortrags über Gürteltiere hervor und sprudelt mit ihrer
unbeschwerten, hellen Stimme los. Sie habe keine Angst davor, dass die
Tics wieder kommen könnten, sagt sie. Ein wichtiger Schritt, gelten doch
Stress und Furcht vor den Tics als Hauptauslöser für die Schübe. Auch
Jennifer hätte wegen der Störung um ein Haar in eine Kleinklasse
wechseln müssen. Doch sie wäre bei den Lernschwachen definitiv am
falschen Ort gewesen: Sie will, dass etwas läuft, will gefordert werden.
«Ich betrachte das Syndrom nicht mehr als Krankheit,
sondern als Symptom einer Hypersensibilität», meint Gabriela Kaiser, die
als TGS-Vorstandsmitglied für Alternativ-Heilmethoden amtet. Ihre Tochter
sei wie ein Seismograph, der die feinsten Spannungen wahrnimmt. Und sie
reagiere diese über Tics ab. «Bei ihr geht alles ungefiltert rein. Sie
braucht Zeit, um die Dinge zu sortieren», sagt sie. Im Grunde sei das
kein Defekt, sondern eine Begabung.
Das hat was. Laut Neurologe Meyer sind Tourette-Kinder nämlich oft sehr
vif und kreativ. Und bereits Gilles de la Tourette erkannte, dass
Betroffene häufig überdurchschnittlich intelligent sind. Dass man es mit
Tourette weit bringen kann, davon zeugt mitunter das Genie Mozart, dem
auch Tics zugeschrieben werden und der deswegen oft als Spinner galt. «Man
kann nur hoffen, dass betroffene Eltern nie den Mut und den Glauben
aufgeben, ihrem Kind ein normales Leben ermöglichen zu können», sagt
Gabriela Kaiser.
Q u e l l e :
beobachter.ch
Ausgabe 16/2007
Verfasser: Lukas Egli
Der Schweizerische Beobachter
Jean Frey AG
Förrlibuckstrasse 70
Postfach
8021 Zürich
www.beobachter.ch