|
Begegnung
im Computermarkt Im
Eingangsbereich schließe ich meine Tasche ein, betrete darauf die riesige
Verkaufshalle und passiere den Bereich Digitalkameras und Videorecorder.
Ein hagerer Mann, ungefähr Mitte 50, steht dort mit leicht gerötetem
Gesicht und inspiziert angestrengt das Sortiment. Ich vokalisiere zweimal
laut Jaa, Jaa!!! (verdammte Tics, denke ich!). Er schaut gleich irritiert
und empört in meine Richtung. Ich habe ihn wohl in seiner
"intensiven Kamerabetrachtung" gestört. Nach kurzer Zeit finde
ich, was ich suche, und gehe in Richtung Kasse. Wieder muss ich durch das
Kamerasortiment und treffe noch mal auf meinen hageren Zufallsbekannten.
Jaa, Jaa rufe ich erneut laut, wie wenn mein Touretter-Gehirn ihn begrüßen
möchte und um vielleicht zu sagen, jaa, ich weiß, mein lautes Gedöns
passt dir nicht. Ich blicke ihm kurz in die Augen, er sieht ziemlich
genervt aus. Nach ein paar Metern höre ich ihn in pfälzischem Dialekt
sagen: "Hea, is der noch ganz sauwa?" (Übersetzung für alle
Nichtpfälzer: "Ist der noch ganz normal?"). Das ärgert mich
doch sehr und ich entscheide mich, zu ihm zurückzukehren und ihn
anzusprechen, diese Unverschämtheit kann ich mir nicht gefallen lassen.
Als ich dann vor ihm stehe, sage ich: Sie haben sich eben aufgeregt über
mein lautes Rufen, ich hab ne neurologische Erkrankung und kann das nicht
steuern ... bla, bla. Er ist jetzt noch etwas roter im Gesicht und
sichtlich betroffen und stammelt eine Entschuldigung: Es tut mir leid, das
hab ich nicht gewusst. Wir reden noch kurz über's TS und seine Symptome.
Zum Abschied gibt er mir die Hand und wünscht mir alles Gute. Ich gehe
daraufhin an die Kasse, bezahle und verlasse den Computermarkt mit einem
guten Gefühl. Es war richtig zu reagieren! Termin
beim Hautarzt Modernes
Ärztehaus mit dem sinnschweren Namen "Medicus". Am Aufzug drückt
man von außen die Etagentaste und wird automatisch ins richtige Stockwerk
gebracht. Ich öffne die Praxistür, ein ca. 5 Meter langer Gang führt in
den Empfangsbereich. Ein mittellautes "fickenarschloch" plärrt
aus meinem Schlund. Die Sprechstundengehilfin kennt mich schon seit 2
Jahren. Sie ist ne Hübsche und immer freundlich zu mir und – obercool
– sie interessiert sich fürs Tourette-Syndrom. Ich hab ihr schon einige
Infos von der TGD überreicht. Sie begleitet mich ins Behandlungszimmer
und erzählt mir von der TV-Serie "Ally McBeal" und der
Touretterin, die dort mitspielt. Sie meint, die Darstellung wäre zwar
insgesamt nicht so supertoll, aber sie findet gut, dass TS im TV
thematisiert wird. Ich habe diese Sendung noch nicht gesehen, erwidere
ich. Auf ihre Frage, wie es mir geht, sage ich: Eigentlich ganz gut, bis
auf die vokalen Tics, die mich zur Zeit sehr plagen. Sie antwortet darauf:
"Ich hab mich gefreut, weil ich wußte, dass Sie heute kommen und
wenn Sie sich mit einem vokalen Tic ankündigen, dann weiß ich, dass Sie
da sind. Solche Tics haben irgendwie auch etwas sehr Liebenswertes!"
Meinen Sie das wirklich ernst, frage ich? Ja, erwidert sie! Holla, denke
ich, dann soll’s so sein, mir ist’s recht !!!
Abends
in einem Café Das
Cafè ist groß und ziemlich leer, gut für Touretter denke ich. Trotzdem,
diese positiven Bedingungen reichen nicht aus, um mich zu beruhigen, denn
heute sind die Vokalismen wieder mal stark im Vordergrund. Vokaltics sind
auffälliger und schwerer zu ertragen als motorische Tics. Weil jeder sie
hören kann, ob er in meine Richtung schaut oder nicht. Ganz schön blöd.
Wir setzen uns und schon geht’s los mit der vokalen Ticcerei. Die
Bedienung kommt und merkt ziemlich schnell, dass ich ein besonderer Gast
bin. Es ist halt nicht zu verbergen, auch wenn ich es mir noch so wünsche.
Ich weihe sie ein, sie reagiert mit verständnisvollen Blicken und sagt
nach dem Abstellen unserer Getränke: Das muss ganz schön schlimm für
Sie sein?!! Ich nicke leicht, aber das Wort "schlimm" klingt
irgendwie frustrierend. Ist "Tourette" wirklich so schlimm? Ich
weiß es nicht, auf jeden Fall gibt es Tage, da ist es ganz schön heftig.
Und dann sehne ich mich nach anderen Symptomen, die weniger auffällig
sind. Damit lebt es sich besser.
Einkauf
in einem Schokoladengeschäft In unserem Urlaubsort betrete ich mit meiner Freundin ein piekfeines Schokoladengeschäft. Ich begrüße die Schoko-Freunde mit mehreren lauten Jaa-Vokaltics. Die anwesenden Kunden schauen etwas entrüstet in meine Richtung, vertiefen sich dann aber wieder in ihre Marzipan- und Pralinenbetrachtungen. Mit meinem "Tourette-Situationsschnellabcheckprogramm" bemerke ich sofort, dass die beiden Verkäuferinnen hinter der Ladentheke, kurz nachdem sie in meine Richtung geschaut haben, tuscheln, und ihre Köpfe schütteln. Ich bin mir sicher, das hat mit mir zu tun. Nachdem ich das Sortiment durchgeschaut und mich für dieses und jenes entschieden habe, gehe ich zur Kasse. Wieder donnern zwei Vokaltics aus mir heraus. Verdammte Tourette-Scheiße!!!! Ich frage die beiden Frauen: Haben Sie, kurz nachdem ich reingekommen bin, über mich geredet? Die beiden sind etwas verwirrt und bringen kein Wort raus. Ich erkläre: Ich bin an einem Tourette-Syndrom erkrankt und kann die verschiedenen Symptome, wie lautes Rufen irgendwelcher Worte, nicht steuern. Oh, das tut uns leid, entgegnen sie, wir dachten, Sie wollten die Anwesenden provozieren. Ich informiere die beiden noch ein bißchen über die TS-Symptomatik, sie sind interessiert und werden immer freundlicher! Ich bezahle und verabschiede mich mit: Ich danke Ihnen für Ihr Interesse und Ihre Aufgeschlossenheit. Sie sagen: Wir haben zu danken! Alles Gute für Sie! Ich verlasse das Geschäft mit einem guten Gefühl, doch ich habe eine Narbe mehr auf meiner Tourette-Seele.
Hermann Krämer, im Februar 2005
|