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Keiner
ist's gewesen – Tourette und Vererbung von Ursula Hoffleit-Meitner Als es für mich feststand, dass ich TS "habe", wollte ich natürlich auch gerne wissen, wie ausgerechnet ich zu dieser "Ehre" kam. Also befragte ich die gesamte Verwandtschaft mütterlicher- als auch väterlicherseits. Und siehe da: Keiner war's gewesen. Vater sagte, Oma mütterlicherseits machte manchmal komische Geräusche. Das konnte meine Tante, die meine Mutter betreute, aber nicht bestätigen. Meine Mutter starb leider schon, als ich gerade 3 ½ Jahre alt war. So konnte ich sie auch nicht befragen. Keiner konnte helfen, keiner sich erinnern, obwohl ich wusste: irgendetwas stimmte nicht. Es wollte wohl auch keiner wissen. Als nun meine zweite Tochter mit ca. vier Jahren auch zu ticen begann, wurde ich wieder nachdenklicher. Ich besorgte mir viele Unterlagen von der Tourette-Gesellschaft Deutschland und gründete eine Selbsthilfegruppe. Mein Vater und auch meine Stiefmutter, Schwägerinnen und Schwager empfanden die Tic-Symptomatik als "sehr schlimm". Obwohl ich ihnen das Krankheitsbild mehrere Male ausführlich geschildert und erklärt hatte, konnten sie nicht begreifen. Mein jüngster Bruder, den ich selten sehe, kam eines Tages für längere Zeit zu uns zu Besuch. Interessiert fragte er mich über die Tics und Zwänge meiner Tochter aus. Also gab ich ihm die Broschüre "Alles über TS", die er mit großem Interesse durchlas. Dann erklärte er mir: "Du, mir kommt das alles so bekannt vor. Ich musste mir als Jugendlicher ganz oft die Hände waschen, ich habe starke Ordnungszwänge und muss auch immer wieder alles Mögliche kontrollieren." Und wenn ich es mir überlege, habe ich meinen Bruder auch schon oft dabei beobachtet, wie er immer wieder an die Decke gucken muss und auch einige andere, zum Teil vokale Tics hat. Das führte mich dazu, alle anderen Geschwister zu befragen. Und siehe da: Fast alle, die meinen Vater zum leiblichen Vater hatten, haben mindestens starke Ordnungszwänge. Also war es ganz klar, dass wir unsere Tics und Zwänge vom Vater geerbt hatten. Auch mein Vater hatte heftige Ordnungszwänge. Früher mussten wir oft lachen, wenn er seine Zigaretten im Aschenbecher "aufgeräumt" hatte. Alle in einer Reihe, wie er immer wieder die Teppichfransen in eine Richtung ausgerichtet hat, seine Hausschuhe bekamen den berühmten "Kick", damit sie richtig standen. Immer wieder hatte ich versucht dem Vater klarzumachen, was Tourette ist, dass seine Zwänge da wohl auch mitspielten und ob er sich nicht erinnern kann, irgendwelche Tics zu haben. Aber ich glaube, er wollte bewusst nichts hören und verstehen. Leider ist er vor zwei Jahren gestorben und er war der Letzte aus seiner Familie. Es war auch vor ca. zwei Jahren, als mich eine meiner Schwestern anrief, sie müssen unbedingt mit ihrem vierjährigen Sohn zum Augenarzt, er würde ständig blinzeln. Oft würde er schniefen, obwohl er gar nicht erkältet wäre. Bei mir klingelten sofort die Alarmglocken. Aber ich sagte zunächst nichts, aber es kristallisierte sich immer mehr heraus, dass er Tourette hat. Heute hat er sehr viele Tics und vor allen Dingen auch die allermöglichsten Zwänge. Vor einigen Tagen wurde er eingeschult und die Nerven meiner Schwester liegen blank. Sie ist mit ihm in Behandlung, Tourette ist eindeutig diagnostiziert. Aber sie weiß nicht, wie sie in der Schule damit umgehen soll. Die meisten Kinder in unserer Verwandtschaft haben Ordnungszwänge. Genau die, wie ich sie von meinem Vater her kenne. Eben echte Hoffleits, ist unser Slogan, wenn drei oder mehrere Geschwister zusammen sind und jeder das Kissen oder die Schuhe in eine bestimmte Richtung bringen muss. Oft ziehen wir uns damit auf und müssen auch darüber lachen. Ich habe festgestellt, dass wir alle in der Familie trotz Tics und Zwängen einen sehr großen Humor besitzen, der vieles im Leben einfacher macht.
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