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Bodensee
bei Sipplingen
Tourette
und Urlaub - Überlegungen vor dem Reisebeginn
Das Thema Tourette
und Urlaub kann man von verschiedenen Gesichtspunkten aus beleuchten. Als
Vater eines stark betroffenen Sohnes beschreibe ich die Überlegungen aus
der Sicht der Eltern für das Kind.
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Welche Art Urlaub kann ich mit meinem TS-betroffenen Kind überhaupt
planen?
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Wie finde ich einen geeigneten Urlaubsort bzw. eine TS-geeignete
Unterkunft?
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Welche weiteren Umstände sind zu berücksichtigen?
Vorab ist schon mal folgendes zu bedenken:
Wann informiere ich mein Kind über den geplanten Urlaub? Je nachdem,
"wie es drauf ist", lautet die Frage sogar, ob ich es ihm im
Vorfeld überhaupt sage. Das hört sich im ersten Moment vielleicht
komisch an, aber wenn die Vorfreude darauf bzw. das "nicht-abwarten-können"
das Kind völlig aus der Bahn wirft und zu einer explosionsartigen
Steigerung der Tics führt, ist es für die Familienmitglieder besser, man
informiert nicht zu frühzeitig. Das kann man logischerweise nicht verallgemeinern, denn andere TS-Kinder können
mit dem Thema Urlaub wie "Nicht-Betroffene" umgehen. Da die
Eltern ihr Kind jedoch am besten kennen, müssen sie entscheiden, wann sie
es ihm mitteilen.
Welche Art Urlaub plane ich? Flugreise, Urlaub mit Bahnfahrt oder
individuell per Auto? Wohin soll die Reise gehen? In den Süden, in den
Norden, bleiben wir im eigenen Land? All diese Fragen sind individuell abzuwägen. Schafft mein Kind die Enge
in einem Flugzeug oder der Bahn mit vielen fremden Menschen längere Zeit
in einem begrenzten Raum? Oder ist unter Umständen der Stress durch die
Enge im Auto größer? Verträgt mein Kind eher warme oder kühlere
Gefilde (in Bezug auf die TS-Symptomatik) oder gibt es da keine
Unterschiede? Je nachdem, wie die Antworten ausfallen, gibt es mehr oder weniger Möglichkeiten,
den Urlaub zu gestalten. Sind die hier aufgeworfenen Fragen kein Problem,
so gehören Sie zu den "Glücklichen", die wie jede andere
Familie ohne TS-Kinder Urlaub planen kann. Leider geht das aber nicht in
allen Familien mit TS-Kindern so.
Nun zu uns. Wir sind ein 4-Personenhaushalt. In der Familie gibt es drei
Personen mit TS-Auffälligkeiten. Der Sohn ist 19 Jahre und hat ein stark
ausgeprägtes Tourette mit heftigen Vokaltics (auch Koprolalie) und
motorischen Tics wie Grimassieren, Zuckungen diverser Gliedmaßen und
Kopropraxie. Zusätzlich, aufgrund des Sauerstoffmangels bei der Geburt,
sind noch Teilleistungsstörungen vorhanden, so dass er von seiner Art her
eher wie ein 14-15-Jähriger wirkt. Die Tochter, die zwischenzeitlich 14
ist, kämpft auch immer wieder mit leichten Tics und Zwängen. Hauptsächlich
ist sie davon aber mehr innerlich betroffen, so dass sie nach außen fast
keine wahrnehmbaren Auffälligkeiten hat. Vater hat das TS, so wie es
aussieht, "eingeschleppt". War als Kind ziemlich auffällig und
hatte dort mehr Tics und Zwänge. Heute, mit 47 Jahren, haben sich die
Tics glücklicherweise fast gelegt. Nur in Stresssituationen oder bei
TS-Veranstaltungen (wenn er andere Zucken und Rucken sieht) kommen seine
motorischen Tics zum Vorschein. Ansonsten merkt man ihm nichts an. Was
noch etwas mehr vorhanden ist, sind diverse Zwangshandlungen (leichte
Wasch- und Kontrollzwänge). Aber auch diese sind mit zunehmendem Alter
geringer geworden. Und dann ist da zu guter letzt noch die
"Seele" der Familie. Die Mutter und Ehefrau, die diesen
"Wahnsinnshaufen" erträgt und das TS-Schiff gut steuert. Ich
liebe und bewundere diese Frau immer wieder aufs Neue. Woher nimmt sie die
Kraft?
So, genug zur Familie. Nun zum Thema Urlaub zurück. Aus der kurzen
Schilderung werden Sie verstehen, dass die Auswahl des Urlaubsortes genau
durchdacht sein muss. Besonders wegen der zunehmenden Ausgrenzung und
Verletzung unseres Sohnes durch Dritte hat er sich immer mehr in sein
Schneckenhaus zurückgezogen und öffnet sich fast nur noch der Familie
gegenüber. Früher sind wir z. B. gerne an die Nordsee gefahren. Vor
einigen Jahren war Schluss damit, denn den vollen Strand in der
Hauptreisezeit (Schulferien) konnte er einfach nicht mehr ertragen. Seine
vokalen Tics wurden immer stärker und die Gafferei der Strandbesucher
immer unerträglicher. Auch die lange Fahrt (wir leben in Süddeutschland)
auf relativ engem Raum im Auto wurde für unseren Sohn immer schwieriger
zu ertragen. Als die Kinder klein waren, schliefen sie einen Großteil der
Fahrt im Auto, damit war aber mit zunehmendem Alter Schluss. Also haben
wir uns umorientiert und fahren seit einigen Jahren zum Urlaub an den
Bodensee.
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Bodensee zwischen Überlingen
und Sipplingen
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Für uns ideal, da wir nur eine Autofahrt von etwas über 2
Stunden haben. Man kann Ausflüge in die schöne Landschaft der Umgebung
machen und wer baden will, kann dies im Bodensee auch tun (übrigens, das
Wasser ist sehr sauber, man kann sogar Steine in größerer Tiefe mit bloßem
Auge sehen).
Eines hatten unsere Ferienquartiere in den letzen 10 Jahren gemeinsam. Wir
haben uns immer günstige, schöne Ferienhäuser, nicht Ferienwohnungen
gesucht. Der Grund dafür ist, dass bei Ferienwohnungen der Vermieter
entweder mit im Haus wohnt bzw. mehrere Ferienwohnungen vorhanden sind,
die mit anderen Gästen belegt sind. Das ist für unseren Sohn schon zu
viel Enge. Es ist zwar nicht leicht, vernünftige, schöne und bezahlbare
Ferienhäuser zu finden, aber irgendwie hatten wir in der Vergangenheit Glück.
Wir fanden immer etwas Schönes und die Vermieter waren sehr nett und
verständnisvoll unserem Sohn gegenüber. Sie hatten grundsätzlich keine
Probleme mit seinen teilweise vor Aufregung doch starken Tics. Natürlich
spielte immer die jeweilige psychische Verfassung unseres Sohnes eine
Rolle, was den Erfolg eines Urlaubs anging, aber wir haben meistens einen
Weg gefunden, um das Beste daraus zu machen. Als Eltern haben wir natürlich
auch immer versucht, dem anderen Kind (in unserem Fall der Tochter) auch
gerecht zu werden. Man kann ihr ja nicht alles vorenthalten, nur weil es
der Sohn nicht kann. Das führte dann mitunter dazu, dass die Familie
getrennte Aktivitäten im Urlaub unternommen hat, aber so war es nun mal.
Es war nicht zu ändern, und meine Frau und ich versuchten das Beste
daraus zu machen.
Michael Treffer, Januar 2005
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