Tourette und Schule

Ich bin überzeugt, wenn alle Eltern ihre Erfahrungen hierzu schriftlich festhalten würden, gäbe das ein eigenes Buch. Wir selber haben hierzu genügend Erfahrungen gemacht. Im Laufe der Jahre haben sich immer wieder Eltern um Rat und Hilfe an uns gewandt. Das Thema Schule war da fast immer dabei.

Schule ist eines der Themen, welches auf eine gewisse Art "hoch sensibel" ist. Hier geht es unter anderem darum, dass der Schüler im Unterricht zuhören sollte, um den zu vermittelnden Stoff zu verstehen. Außerdem sollten Störungen während der Unterrichtsstunden weitestgehend vermieden werden. Und genau da liegt der "Tourette-Hase oftmals im Pfeffer". Unser Sohn konnte noch so eine Tic-arme Phase haben, wenn der/die Lehrer/in sagte: "Seid mal alle ruhig ........", dann war das, als wenn jemand auf einen Lichtschalter gedrückt hätte. Der Tic wollte zeigen, dass er noch da ist. Solche Situationen führten dann oftmals zu Reaktionen von Mitschülern und die Situation drohte zu eskalieren.

Wir haben auf unserem "Schul-Lebensweg" mit unserem Sohn alle Sorten von Pädagogen kennengelernt. Eigentlich ein Querschnitt durch die Bevölkerung. Es gab da sehr verständnisvolle und hilfsbereite, aber auch arrogante, eingebildete und gehässige Menschen. Ebenso, wie man sie auch in anderen Bereichen des Lebens antrifft.

Unsere Erfahrung hat gezeigt, dass es sich günstig auswirkt, wenn man sich in der Schule etwas engagiert. Schließlich erwartet man auch von Seiten der Lehrer eine gewisse Unterstützung des Tourette-kranken Kindes. Wie wir selber wissen, ist das nicht immer einfach. 

Andererseits sollte man auch nicht total "unterwürfig" sein und sich alles gefallen lassen. Wie ich von Eltern schon erfahren habe, gab es manche Schulleiter, die versucht haben, einen TS-Schüler aus der Schule zu drängen. So ein Verhalten ist nicht akzeptabel.

Eine auch immer wieder häufig gestellte Frage von Eltern betroffener Kinder an uns war:

Welche Schule ist die richtige Schule für unser Kind? Bekanntlich haben TS-Kinder von ihrem Intellekt her die gleichen Möglichkeiten wie "gesunde" Kinder/Jugendliche. Trotzdem haben sich Eltern immer wieder entschlossen, ihr Kind an eine Schule gehen zu lassen, die nicht seinen intellektuellen Möglichkeiten entspricht. Der Grund war oftmals das mögliche Scheitern an der "höheren" Schule aufgrund des intoleranten Umfeldes. So eine Entscheidung fällt natürlich niemandem leicht, aber das heutige Schulsystem bietet so viele Möglichkeiten der Weiter- und Fortbildung zu einem späteren Zeitpunkt. Der Jugendliche mag dann eine gefestigtere Persönlichkeit haben, um den Druck des Umfeldes zu "ertragen". In früheren Jahren hätte es eventuell zu einem Scheitern geführt mit allen Gefühlen, die so dazu gehören. Andere Jugendliche sind schon in frühen Jahren so gefestigt und können solch unangenehme Situationen durchstehen. So eine Entscheidung muss die Familie einfach nach reiflicher Überlegung und Absprache untereinander treffen. Völlig verkehrt an diesem Platz wäre die Eitelkeit, z.B. der Eltern, so nach dem Motto: "Mein Kind muss aufs Gymnasium gehen. Was sollen die Leute sonst denken." Lasst doch die Leute denken, was sie wollen. Wichtig ist doch, dass die Kinder und Eltern so glücklich und zufrieden wie möglich sind.

Im Laufe der Jahre haben wir einige Eltern kennengelernt, die ein Problem damit hatten, dass ihr Kind nicht "normal" ist. Ehrlich gesagt, taten uns diese Menschen leid, da dieses oberflächliche Denken von einer gewissen Art menschlicher Kälte zeugt. Es ist nicht immer leicht, die Kinder so anzunehmen, wie sie sind, da können wir wirklich selber ein Lied davon "singen". Wenn man es aber nicht versucht, ist der Familienfrust vorprogrammiert.

Um zum Thema Schule wieder zurückzukommen. Einige TS-Kinder haben gute Erfahrungen damit gemacht, dass sie sich als Touretter "geoutet" haben. Besonders die Jugendlichen, die ihre Tics nicht wesentlich unterdrücken konnten. Die, die das konnten, haben oftmals die Entscheidung getroffen, nichts zu sagen. Die wenigen Tics, die sie in der Schulzeit hatten, konnten sie einfach mit wenigen Worten erklären, ohne näher auf Tourette eingehen zu müssen. Letztlich muss jeder alleine entscheiden, wie er vorgehen möchte und was in seiner Situation richtig ist.

Im Bio-Unterricht oder im Fach Ethik über das Thema Tourette zu referieren, kann auch zu einer guten Akzeptanz beitragen. Das kann entweder der Betroffene selber tun oder ein eventuell vorhandenes Geschwisterteil (bei uns war es z.B. Maren, die Schwester unseres Sohnes Nicolas). Auch Eltern haben mit Erlaubnis der Schulleitung das Lehrerkollegium und/oder die betroffene Klasse informiert und über TS aufgeklärt.

 

Michael Treffer, September 2005

 

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