Neurovisions
– Eine gesamteuropäische Touretterie
Tics waren das
zentrale Thema der Musiktheaterproduktion "Neurovisions – Eine
gesamteuropäische Touretterie, experimentelles Musiktheater mit "Opera
Silens" nach Motiven des Grand Prix d'Eurovision und einer Komposition von
Charlotte Seither in Koproduktion mit Prof. Dr. Alexander Münchau (Universitätsklinikum
+ N.E.MO.
e.V. Hamburg-Eppendorf) und "Kampnagel Internationale Kulturfabrik
Hamburg
" [www.kampnagel.de],
Produktionsleitung 2Eleven (zeitgenössische Musikprojekte), gefördert durch
die Kulturbehörde der Freien und Hansestadt Hamburg/Hamburgische
Kulturstiftung. Uraufführung: 20. Januar 2010. --- Kampnagel
ist Deutschlands größte freie Spiel- und Produktionsstätte und zählt zu den
international bedeutendsten Bühnen für darstellende Künste.
Neurovisions
– Eine gesamteuropäische Touretterie
Bericht
von Daniel Weber
Im Januar 2010 wurde auf Kampnagel in Hamburg-Barmbek das Musiktheaterstück
"Neurovisions – Eine gesamteuropäische Touretterie" uraufgeführt.
Das Ensemble bestand aus vier Schauspieler/innen
und Sänger/innen und drei Laiendarstellern, die am Tourette-Syndrom
erkrankt sind. Die drei Touretter sind in Behandlung am Universitätsklinikum
Hamburg-Eppendorf und durch den Kontakt zu Prof. Dr. Alexander Münchau
(Neurologe am Klinikum) auf diese Produktion aufmerksam geworden.
Vor
der Uraufführung wurde ein Treffen zwischen den Schauspielern, den Tourettern,
Professor Münchau, dem Regisseur Hans-Jörg Kapp und der Dramaturgin Judith
Schneiberg vereinbart, um darüber zu sprechen, wie wir uns die Zusammenarbeit
vorstellen. Als wir uns dann einig waren, dass wir dieses Stück miteinander
erarbeiten möchten, begannen die Proben, die ungefähr drei Monate dauerten.
Es ging in dem Stück darum, die Musik des Grand Prix der 70er und 80er Jahre
mit den Tics eines Touretters zu verbinden, da in dieser Zeit nicht mehr nur der
Gesang der Künstler im Vordergrund stand, sondern auch die Show. Viele der Künstler
fingen an, auf der Bühne zu tanzen und dabei auch an Tics erinnernde Bewegungen
und Geräusche zu verwenden. Ein Sänger, der zwar nie beim Grand Prix auftrat,
aber dessen Bewegungen ich als äußerst markant finde: Joe Cocker. Wenn er am
Mikrofon steht, arbeitet er intensiv mit den Händen, was
mich
sehr stark an Tics erinnert. Für
"Neurovisions" wurden allerdings nur Songs verwendet, die auch beim
Grand Prix vertreten waren. Man denke zum Beispiel an Dschingis Khan mit dem
gleichnamigen Hit. Daraus wurde die Textstelle mit dem "Huh Ha" von
den Darstellern verwendet.
Das Theaterstück bestand aus drei Teilen: Der erste war ein ruhiger Teil, bei
dem die Touretter nur die Aufgabe hatten, auf der Bühne anwesend zu sein. Die Bühne
war in ein blaues Licht getaucht. Beim zweiten Teil wechselte die Beleuchtung
auf ein grelles Rot und es regierte das Chaos. Nun wurden auch die Touretter
aktiv und waren an vielen Choreographien beteiligt. Der
dritte Teil war wieder sehr ruhig und wurde nur von einer Darstellerin
aufgeführt, während sich der Rest hinter
der Bühne aufhielt.
Vor und während der Aufführungen war ein großes Medieninteresse vorhanden,
sodass viele Zeitungen und auch Fernsehsender berichteten. Insgesamt gab es
sieben Aufführungen, die sehr gut besucht waren. Ich persönlich habe
allerdings nur an vier Aufführungen teilgenommen. Als wir unsere letzte Aufführung
hinter uns hatten, ist das gesamte Team zusammen
essen
gegangen. Dabei stellte sich
heraus, dass wir uns alle ans Herz gewachsen waren und wir vereinbarten, uns
wiederzusehen und vielleicht erneut zusammenzuarbeiten.
Dieses Theaterstück "Neurovisions – Eine gesamteuropäische Touretterie"
war sehr erfolgreich, erfolgreicher als ich es erwartet hatte. Und wenn jetzt
die Frage aufkommt, die leider auch in einigen Medien gestellt wurde: Kann man
das machen? Kann man Touretter auf die Bühne bringen, sie mit ihren Tics "zur
Schau" stellen, dann kann ich nur sagen:"Man kann !!!" Denn es
ist kein zur Schau stellen, sondern der Versuch, das Tourette-Syndrom der Öffentlichkeit
zugänglich zu machen und zu beweisen, dass man auch mit Tourette künstlerisch
tätig sein kann. Warum sollte man mit dieser Krankheit nicht offensiv umgehen?
Wenn man mal von Tourette absieht, sind wir doch ganz normale Menschen.

Neurovisions – die neurobiologische Perspektive
von Prof. Dr.
Alexander Münchau
Den meisten Menschen ist die
Erfahrung (und das Gefühl der Erleichterung), von einer unpassenden Handlung
oder Äußerung im letzten Moment Abstand genommen zu haben, sehr vertraut.
Diese Fähigkeit der bewussten Hemmung bzw. Selbstkontrolle ist für den
Einzelnen und die soziale Interaktion ebenso bedeutsam wie die Fähigkeit,
Handlungen zu initiieren.
Das Tourette-Syndrom ist gekennzeichnet durch Tics, d.h. Bewegungen oder
Geräusche, die prinzipiell bei allen Menschen vorkommen, die aber, aus bislang
ungeklärten Gründen, durch eine eingeschränkte Kontrolle in übertriebener,
überschießender Weise und in unpassenden Situationen auftreten. Dies führt im
Alltag in der Öffentlichkeit oft zu Unverständnis bei anderen und
Stigmatisierung der Betroffenen. Treten überschießende "Extrabewegungen"
als Manierismen in anderem Kontext, z.B. bei Musikern auf der Bühne, auf,
werden sie hingegen häufig als originell oder chic bewertet, obwohl sie sich phänomenologisch
nicht oder kaum von Tics bei Tourette-Betroffenen unterscheiden. Dies
verdeutlicht die starke Kontextabhängigkeit als "normal"
wahrgenommener Bewegungen und Bewegungskontrolle.
Durch das
Nebeneinander spontaner Tics bei Tourette-Betroffenen und artifiziellen
Extrabewegungen, Manierismen durch professionelle Darsteller auf der Bühne im
Rahmen der "Neurovisions-Aufführung" wird die Fragwürdigkeit der
gesellschaftlichen Bewertung von Tics bei Tourette als abnorm und "Kunst-Tics"
bei Schauspielern oder Musikern als interessant und ggf. Imitationsgrundlage in
Frage gestellt. Gelänge dem Theater, dass Tics bei Tourette als eine spontane,
ungezügelte Überakzentuierung normaler Bewegungen und nicht als
Absonderlichkeit wahrgenommen würden, könnte es einen Frei(heits)-Raum für
Tourette-Betroffene bieten, Wegbereiter eines Tics zulassenden öffentlichen
Raums sein und somit zu einer Ent-Stigmatisierung des Tourette-Syndroms
beitragen. Diese ist eines der Ziele des Fördervereins N.E.MO. und der
Arbeitsgruppe für Bewegungsstörungen in der Klinik für Neurologie am
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf .
Die Kooperation
zwischen dem Theater Kampnagel Hamburg, N.E.MO. e.V. und der Klinik für
Neurologie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf soll einer breiteren Öffentlichkeit
das Tourette-Syndrom näherbringen als eine häufige Störung und keine obskure
Rarität, mit der sich allenfalls verschrobene Wissenschaftler befassen. Mit
einer Prävalenz von etwa 1% in der Bevölkerung gehört das Tourette-Syndrom zu
den häufigsten neuropsychiatrischen Störungen. Weitere Informationen zu den
Projektpartnern finden Sie im Internet: Theater Kampnagel: www.kampnagel.de
| N.E.MO. e.V.: www.uke.de/nemo
| Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf: www.uke.de
Prof. Dr. Alexander
Münchau
Neurologische Klinik und Poliklinik
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Martinistraße 52
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